2. Ausschnitt aus „Inselfluchten“ von Norbert Büchler

2-ausschnitt-aus-8222.jpg

Torsten hatte kurz vor seinem Eintreffen sein ungeliebtes Studium im Alter von achtundzwanzig Jahren beendet und erhielt von seinem Vater Karl überraschend zweitausend Euro in die Hand gedrückt, als Torsten ihm die Diplomurkunde präsentierte. »Besser ein Diplom als gar nichts!«, kommentierte sein Vater den ansonsten glanzlosen Anlass. Dass weder Torsten noch Max, sein drei Jahre jüngerer Sohn, den Beamtenstatus anstrebten, bedeutete einen harten Schlag für ihn, dem ein weiterer folgte, als Torsten kurze Zeit später einfach verschwand.

Dass er zu Onkel Paul reiste, blieb Karl gegenüber unerwähnt, denn das zerrüttete Verhältnis der beiden begleitete Torsten von Kindheit an. Er versuchte immer zu vermitteln, doch sein Vater quittierte Bemühungen dieser Art mit gehässigen Kommentaren. Von Judith kam nie ein zustimmendes Wort zu den Ausfällen ihres Mannes, im Gegenteil, wenn er zu heftig gegen Paul wetterte, kritisierte sie ihn scharf wegen seines Starrsinns, was die Atmosphäre noch stärker vergiftete. Schließlich machte der väterliche Beschluss, dass nicht mehr über seinen Bruder gesprochen werden dürfe, Paul zu Torstens Idol für innerfamiliären Widerstand, weshalb er bei Judith auf eine Kontaktvermittlung drang, bis sie schließlich nachgab.

Als Torsten nun mit Paul telefonierte, erklärte er ihm, dass er einen radikalen Ortswechsel brauche und zudem sein Leben überdenken wolle, er würde Paul aber weder stören noch ihm auf der Tasche liegen. Dieser erteilte daraufhin seine Aufenthaltserlaubnis unter der Voraussetzung, dass Torsten ihn nicht mit Problemen behelligen möge, er habe zu arbeiten und daher wenig Zeit. Insgeheim erhoffte Torsten sich aber einige richtungsweisende Impulse für seine ihm vollkommen unklare Zukunft und reiste kurz darauf nach Tinos.

Mit Paul tiefer gehende Gespräche zu führen gestaltete sich vor Ort dann tatsächlich als schwierig, da dieser keinerlei Anstalten zeigte, seinen festgelegten Tagesablauf wegen Torsten zu gefährden. Paul stand früh auf und verschwand entweder im Atelier oder im daneben liegenden Büro. Er arbeitete viel und stand häufig unter Zeitdruck. In der Mittagszeit schlief er nach einem ausgiebigen Essen, welches er abwechselnd in einer der Dorftavernen einnahm, um danach wieder im Atelier zu verschwinden, wo er oft bis in die Nacht hinein arbeitete.

Torsten wohnte in der Gästewohnung. Er fand bald heraus, dass sich dort gelegentlich Mitarbeiterinnen seiner Auftraggeber aufhielten, die Paul auf die Insel einlud. Für Torsten bedeutete der Besuch von Geschäftspartnern, wie Paul sie nannte, dass er die Gästewohnung räumen und in ein Zelt in den Garten umziehen musste, was ihn aber nicht weiter störte. Gleich in den ersten Wochen wohnte eine junge Frau bei ihnen. Sie duzte Paul, bewegte sich freizügig auf dem Grundstück und würdigte Torsten keines Blickes, obwohl er sie bei ihrem Eintreffen als eine Art zweiter Gastgeber herzlich willkommen hieß und seinen Umzug ins Zelt als selbstverständlich darstellte, wovon sie aber ohnehin ausging. Er fand ihre Überheblichkeit ärgerlich und zog sich fortan an den Strand zurück, redete manchmal mehrere Tage kein Wort, was Paul wohlwollend zur Kenntnis nahm.

***

Der Frauenanteil der Studenten an Max’ Universität lag bei knapp achtzig Prozent, was seinen Neigungen mehr als entgegenkam. Nachdem er auf Druck seines Vaters vor zwei Jahren eine eigene Wohnung nehmen musste, baute er darin eine Art Doppelexistenz auf: ein Leben als Sohn und das eines selbstständigen Singles. Sein offenkundig perfekt geführter Haushalt beeindruckte nicht wenige der Frauen, die er zu sich einlud. Die Dienstleistungen seiner Mutter versuchte er so gut wie möglich zu verschleiern, was ihm aber nur selten gelang. Er verdankte es daher vor allem seinem attraktiven Aussehen, dass sein wachsender Ruf als »Muttersöhnchen« die Frauenkontakte an seiner Universität nicht einschlafen ließen. Irgendwann war ihm zu Ohren gekommen, dass das hochschulinterne Referat für Lesben und kritische Frauen ihm und seinesgleichen in seiner Halbjahresschrift ein wenig ruhmreiches Denkmal setzen wollte. Das Referat war bundesweit das letzte seiner Art und als nicht mehr zeitgemäß und antiquiert verspottet, jedoch tatkräftig am Leben gehalten von einer militant gesinnten Professorin, welche die Fahnen der radikalen Emanzipation gegen den Trend der Zeit noch immer hochhielt. Der Artikel stellte einen giftigen Angriff auf den Muttersohn heute dar. Im fett gedruckten Nachwort wurden männliche Leserbriefschreiber aufgefordert, sich Kommentare zu ersparen, dass die Autorinnen selber künftige Mütter seien. In der Lebensplanung der Autorinnen kämen weder Männer noch Kinder vor, so dass das an sich schon kraftlose Argument noch tiefer ins Leere greife.

Zwei Tage nach Erscheinen des Artikels hing an einer Damentoilettentür der Universität ein großflächiges Plakat mit der Überschrift Entartete Frauen. Darunter klebten zwei Fotos ehemaliger Redakteurinnen mit deren Männern und Kindern. Ein deutlicher Hinweis stellte klar, dass die »Entartung« sich nicht auf jene verheirateten, sondern auf die aktuellen Redakteurinnen bezog. Da das Plakat mit wetterfestem Industrieleim geklebt worden war, hängten die Redakteurinnen mit Hilfe des Hausmeisters die Tür aus und stellten sie in die Aula mit dem Hinweis, dass nationalsozialistisches Gedankengut die einzige Antwort sei, die Männer auf sachliche Kritik hervorzubringen imstande seien.

Max, der mit der Plakataktion gerne etwas zu tun gehabt hätte, klopfte an der Tür des Referats. Cora, eine attraktive Mitstudentin mit dunklem Kurzhaarschnitt, kam heraus und deutete wortlos auf ein angebrachtes Schild: Wir müssen draußen bleiben. Der darauf abgebildete Hund war mit einem Eddingstift durchaus gelungen und nicht ohne Ironie in einen Mann verwandelt worden.

Max sagte: »Ich wollte mich lediglich bei euch bedanken. Euer Hetzartikel gegen mich beschert mir unverhofft viele Frauenkontakte. Jetzt bat mich ein Freund zu fragen, ob ihr in der nächsten Ausgabe speziell gegen ihn hetzen könnt.«

Sie sah ihn mit blitzenden Augen an: »Dein Niveau ist erbärmlich.”

Max fuhr unbeirrt fort: »Aber er behandelt Frauen wirklich wie Vieh. Das könnt ihr nicht hinnehmen …«

Mit angewidertem Gesicht schlug sie die Türe zu. Max war im höchsten Maße zufrieden.

Seit seine Mutter bei Inge wohnte, blieb ihre Unterstützung seines Haushalts aus, was Max mit aufkommender Unordnung und gähnender Leere im Kühlschrank zu spüren bekam. Im Grunde war er jedoch erleichtert darüber. Er konnte Judiths Verhalten seinem Vater gegenüber nicht akzeptieren. Im Vergleich dazu kamen ihm seine eigenen Frauengeschichten geradezu harmlos vor, zumal er keinerlei Verlangen mehr danach verspürte, so seltsam es ihm auch anmutete, dass ausgerechnet das Verhalten seiner Mutter ihn bekehren würde. Seit seiner Rückkehr aus Tinos hatte sie ihn einmal angerufen, doch er war wortkarg und kühl geblieben. Der Widerwille gegen sie bestärkte seine Absicht, sein Leben endlich selber in die Hand zu nehmen. Eine nicht unbedeutende Rolle dabei spielte Elke, die nur eine halbe Stunde entfernt wohnte. Nach ihrer Rückkehr aus Griechenland hatten sie sich sofort getroffen und euphorisch beschlossen, weiterhin zusammenzubleiben. Sie verbrachten drei Tage und Nächte in ihrer winzigen Wohnung. Max erzählte ihr ausführlich von seinem Familienchaos. Irgendwann begann Elke zu heulen und erzählte ihrerseits nun die halbe Nacht aus ihrem Leben. Danach kam ihm seine eigene Familie harmlos vor.

_______________________________________________________

Der Auszug stammt aus „Inselfluchten“ von Norbert Büchler und ist erschienen 2009, Neuauflage 2015, im Verlag BoD, Norderstedt.

Erhältlich ist das Buch (auch als e-book) überall. Taschenbuch – 320 Seiten. – 9,90 €  (ISBN 978-3-7386-2765-7) // eBOOK  5,99 €.

Neben dem Roman „Inselfluchten“ verfasste Norbert Büchler den Roman „Bilder einer Ausstellung“.

Norbert Büchler startete als Musiker / Gitarrist im Rock- und Folkbereich und kam erst später zum literarischen Schreiben. Er wohnt in Memmingen und Stuttgart. Neben dem Schreiben von Romanen und Erzählungen lebt er von einem pädagogischen Brotberuf.

Mehr Infos über den Autor auf seiner Homepage www.norbert-buechler.de.

(Foto: Susanne Marx)
______________________________________________________

Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform für Memmingen und Umgebung, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch Ausschnitte eines größeren literarischen Werkes vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist, in Memmingen oder der näheren Umgebung zu wohnen.

Wir verarbeiten in der wöchentlich neu erscheinenden Kolumne (jeden Mittwoch) 1- max. 10 Seiten normaler Schreibweise am PC, benötigen ein Stimmungsbild oder das Buchcover plus gerne ein Portraitfoto, falls erwünscht.

Man kann dabei als Autor auch anonym bleiben, falls erwünscht, ansonsten kann man sich gerne auch in einem kurzen Text selbst vorstellen, der dann am Ende des Textes auf Wunsch beigefügt wird.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text und das/die Fotos gerne schicken an:  [email protected]

Wir freuen uns auf Deinen/Ihren Text! 😉

scroll to top