Buried in the Mix – Verborgen, begraben in der Mischung

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Die neue Ausstellung `Buried in the Mix´ in der MEWO Kunsthalle, die noch bis 14. Januar 2018 zu bestaunen ist, setzt Klang in den Fokus und hinterfragt durch Musikvideos, Klangkunst und (Sound-) Installationen die Geschichte unserer modernen Kulturen. Die Kuratorin Bhavisha Panchia erforscht in dieser Ausstellung mit Arbeiten von 17 internationalen Künstler_Innen Klang als Ausdrucks- und Transportmittel, aber auch als Möglichkeit, Raum zu schaffen, um einander `zuzuhören´.

Diese aus Zeichnungen, Video- und Sound-Installationen bestehende Ausstellung recherchiert im kulturellen Gedächtnis und den historischen Prozessen von Bildung, Identität und den sozialen Bindungen innerhalb und zwischen verschiedenen Kulturen. Sie versucht ein eng versponnenes Geflecht zu dekonstruieren, um es in einem neuen – globalen – Verständnis wieder zusammenzufügen.

Auf der Suche nach Ursprüngen begeben wir uns auf eine Reise um die Welt, in die Vergangenheit und zurück in eine technologisch geprägte Gegenwart. Wir entdecken, wie fremde Instrumente in fernen Kulturen adoptiert werden, wie Elemente, von denen wir glauben, dass sie Bestandteil einer bestimmten Kultur oder Kulturgruppe sind, ihre Ursprünge enthüllen in anderen Kulturen. Kulturen, die sich seit Menschengedenken gegenseitig beeinflussen, befruchten, vermischen. Buried in the Mix – Verborgen im Mix.

Andererseits werden Sprachen von Kolonialherren ausgelöscht, Authentizität etwa durch Bildungsmuster zum Schweigen gebracht, lokale Tänze, traditionelle Musik, Dialekte unterdrückt oder neuen kolonialen Machthabern geopfert. Buried in the Mix – Begraben im Mix.

Die Ausstellung Buried in the Mix, kuratiert von Bhavisha Panchia geht mit 17 Künstlern dem Thema Klang als Ausdrucksform nach. Wie werden kulturelle Ausdrucksformen, Identitäten und Erzählweisen durch Musik und Sound produziert, verbreitet und über Landesgrenzen, Traditionen und Medien hinweg transportiert?

Sampeln und Remixen sind einige der Methoden, die KünstlerInnen, MusikerInnen und DJs einsetzen, um von Paradigmen und Genealogien abzuweichen. Durch das bewusste Überschreiten und Verwischen ästhetischer und konstitutioneller Grenzen entstehen neue Erzählweisen, Klangstrukturen und Tonalitäten.

Gleichzeitig zum Klang als Ausdrucks- und Transportmittel widmet sich die Kuratorin Bhavisha Panchia in dieser Ausstellung dem Hören, also der Beziehung zwischen einerseits Artikulation – insbesondere durch Tonaufnahmen und Musikproduktion – und dem Hören, der Rezeption auf der anderen Seite.

Zuhören als Kritik

`Klang ist insofern räumlich, sozial und politisch, als er Felder für die Resonanz unterschiedlicher Empfindungen und Erfahrungen produzieren kann und Räume schafft für Widerspruch und Dissonanz´, so Bhavisha Panchia. Wie also hören wir Differenz, wie hören wir Kulturen, Macht, Geschichte? – Und wie können Räume geschaffen werden, um einander zuzuhören?

Sind wir fähig, Ideen und Arten des In-der-Welt-Seins offen zuzuhören, die über unser Bezugssystem und unser modernes koloniales Empfinden der Realität hinausgehen? – Dies sind die zentralen Fragen, der sich die Kuratorin Bhavisha Panchia in dieser Ausstellung stellt.

Verschiedene Ansätze der Künstler

Dabei geht etwa der Künstler Carlos Monroy (Columbia) hier dem Ursprung eines Welthits nach, um sich in einer indigenen Volksgruppe in Bolivien wiederzufinden: Der „Lambada“ machte die in Frankreich zusammengestellte, internationale Gruppe KAOMA 1989 weltberühmt, entpuppte sich jedoch als ein Plagiat. Musik und Teile des Textes gehen zurück auf den Originaltitel `Llorando se fue´ („Weinend ging sie“) der bolivianischen Folklore-Truppe Los Kjarkas.

Cino Amobi (Nigeria, USA), der als Mitglied in einem Künstlerkollektiv in Releases wie `Airport Music for Black Folk´ und anderen Kooperationen Musik und Politik verwebt, macht hier mit seinen Klang-Arbeiten auf die ungerechte Machtverteilung in der Gesellschaft aufmerksam und die noch immer andauernde Diskriminierung von Menschen dunkler Hautfarbe.

Die britische, afro-karibische Künstlerin Sonia Boyce erinnert in ihrem „Devotional Wallpaper“ an vergessene Künstler, Musiker, Sänger_Innen, die aufgrund ihrer Hautfarbe künstlerisch ein Schattendasein führten und setzt sich in einem Video mit Sprache, Kolonialherrschaft, aber auch der Möglichkeit der Co-Existenz auseinander. Sie selbst singt darin einen Raggae-Song, der sich überlagert mit dem Lied einer zweiten Sängerin, die ein britisches Volkslied singt.

Die Installation eines Vogelhäuschens aus den Dielen eines Schultisches, in dessen Inneren ein ausgestopfter Papagei seinen Blick auf Sprachkassetten richtet, spricht von der Auseinandersetzung des Künstlers Kemang Wa Lehulere (Süd Afrika) mit der Frage „Wer spricht? Wer hat die Macht?“, was sich auch in seiner Album Cover Grafik „Bird Song“ wiederspiegelt.

Vivian Cacurri (Brasilien) hingegen geht mit ihrer (Sound-) Installation der Frage nach, warum in der christlich religiösen Musik größtenteils die tiefen Töne und Bässe herausgenommen wurden. Und warum Ambrosius als Heiliger verehrt wurde, obwohl er die „Ambrosianischen Lobgesänge“ nach Ansicht der Künstlerin von den Griechen gestohlen hatte: Griechische Hymnen, deren einfachen, rhythmischen Gesang er übernahm und „verwestlichte“.

Samson Young (Hongkong) wiederum setzt sich als Künstler und Komponist mit den wiederkehrenden Themen Konflikt, Krieg und politische Grenzen auseinander. Verlust, aber auch immer wieder aufflackernde Evidenz des Verlorenen thematisiert er in seiner Serie von Zeichnungen.

Dies, um nur einige Beispiele aus den faszinierenden Arbeiten der insgesamt 17 Künstler_Innen dieser Ausstellung herauszupicken. Eine Ausstellung, die es sich sehr zu besuchen lohnt und alle Altersgruppen, vor allem aber jüngere Altersgruppen ansprechen dürfte.

Infos

`Buried in the Mix´ in der MEWO Kunsthalle in Memmingen wurde im Rahmen des Programmes `Fellowship Internationales Museum´ der Kulturstiftung des Bundes konzipiert.

Es stellt ein Programm für bundesweit 17 Museen, die MEWO Kunsthalle ist eines davon.

Die junge Kuratorin Bhavisha Panchia studierte in ihrer Geburtsstadt Johannesburg, Südafrika, wo sie ihre Studien mit einem BA (Fine Arts) und einen MA (Kunstgeschichte) an der Witwatersrand-Universität beendete. Später spezialisierte sie sich mit einem MA am Center for Curatorial Studies des Bard College, New York.
Ihre Forschungsgebiete beinhalten anti- oder auch postkoloniale Studien, die globalen Nord-Süd-Beziehungen und die Politik von Klang und Musik, mit besonderem Augenmerk auf diasporische Ausprägungen.

Die Ausstellung ist noch bis 14. Januar 2018 in Memmingen für den Besuch offen.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

1115,

Fatima Al Qadiri,

Chino Amobi,

Sonia Boyce,

Vivian Caccuri,

Tony Cokes,

Sofía Córdova,

Thibaut de Ruyter,

Christopher Kirkley,

Los Jaichackers (Julio César Morales & Eamon Ore-Giron),

Carlos Monroy,

Nástio Mosquito,

Andrew Pekler,

Mario Pfeifer,

Andrew Putter,

Kemang Wa Lehulere

Samson Young.

Fotos: aus eigener Quelle.

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