Der Tote im Moor (Thriller)

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Wie Wittgenstein, der Philosoph, den sie verehrt und mit dem sie gelegentlich spricht, kann auch Alice Geburtstage nicht ausstehen. Ihr zwölfter Geburtstag steht bevor – und ihre einzige Freundin Lisa wird beschuldigt, ihren Vater erstochen zu haben. Nur Alice glaubt nicht daran. Unmittelbar vor seinem Tod hat Lisas Vater eine Moorleiche untersucht, die angeblich uralt ist, doch wenig später spurlos verschwindet. Kurz zuvor aber hat Alice sie heimlich untersucht und eine unglaubliche Entdeckung gemacht.

Der Tote im Moor (Thriller)

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Ein Toter kehrt zurück

PROLOG

Dreißig Jahre vorher

In den Bergen regnet es nicht, die Wolken drücken sich in die Täler und ersticken alles, was darin lebt. Ulrike Horos fragte sich, wie der Busfahrer durch die Wassermassen noch die Straße erkennen konnte. Die Scheibenwischer hatten den Kampf gegen den Regen längst verloren. Der Busfahrer orientierte sich an den Begrenzungspfosten, die in den Scheinwerfern aufleuchteten.

»Wann sind wir da?«, fragte Toni und drückte seinem Big Jim auf den Rücken. Big Jims Arm zuckte nach unten. Zack und zack. Big Jim blickte durch die Scheibe hinaus, doch er sah nicht mehr als Toni.

Wasserschlieren, weiße Begrenzungspfosten und auf der anderen Seite der schwarze Fels. Der Bus schraubte sich endlos über den schmalen Pass des Kaltenlocher Tobels. Big Jim hat alle Kraft der Welt, sagte Toni zu sich selbst, doch gegen den Regen war auch er machtlos.

Ulrike Horos hatte sich schon in die erste Reihe gesetzt, weil ihr im Bus immer schlecht wurde. Sie musste sich auf die Straße vor ihr konzentrieren. Ein Problem des Mittelohrs, eine Störung des Gleichgewichtssinns, meinte ihr Arzt. Draußen gab es nichts außer Regen, kein Orientierungspunkt, keine fixe Linie, kein Halt, nur dieses Gefühl der Rotation, wenn der Bus um die engen Kurven bog.

»Wir sind bald da«, antwortete sie, ohne den Blick von der Windschutzscheibe zu nehmen. Sie hatte das Gefühl zu trudeln. Bäume und Felsen tauchten verschwommen auf, so als steckten sie in schmutzigem Spülwasser. Wenn sie jetzt noch zu Toni schaute, dann war es ganz aus, und sie würde die zwei Eier und den Kaffee vom Frühstück in die Tüte würgen, die sie vor sich hinhielt.

Für einen Moment hatte Ulrike die Augen geschlossen, als der Bus stoppte. Die vorderen Türen gingen auf. Im Regen stand ein Polizist mit Regenmantel und Leuchtweste. Im hinteren Teil des Busses sang eine Gruppe von Jungs einen Song aus dem Radio nach: Hurra, hurra, die Schule brennt… Sie waren lauter als das Radio und kannten den Song auswendig. Der Busfahrer nickte dem Polizisten zu. Herabfallende Felsen, mehr hatte sie nicht gehört. Der Polizist sprang in den Bus und stellte sich neben den Fahrer. Es beruhigte Ulrike, dass ein Polizist im Bus war. Der Regen und die engen Kurven machten ihr Angst. Die Türen schlossen sich wieder. Der Motor übertönte das Geprassel des Regens. Der Polizist hatte seine Kapuze nicht abgenommen.

Er redete mit dem Fahrer. Der Bus machte einen Satz nach vorne. Der Motor heulte kurz auf. Nur keine Panne, dachte sie sich. Für diesen Regen hatte sie keine Schuhe, und sie wollte bei Arthur nicht völlig durchnässt ankommen. Wenn der Motor versagte, wenn sie alle aussteigen mussten. Sie würde sitzen bleiben, bis ein anderer Bus kam und sie entweder zurück nach München brachte oder nach Kaltenloch.

Ulrike drehte sich um. Greta, Arthurs Schwester, hatte die Augen geschlossen und schlief, ihr Mann neben ihr blätterte in der aktuellen Ausgabe des Allgäuer-Blattes. Der Motor heulte erneut auf. Ulrike blickte wieder nach vorne. Sie begriff zunächst nicht, was geschehen war. Der Polizist war verschwunden. Der Fahrer saß hinter seinem Lenkrad. Doch etwas stimmte nicht. Toni drückte seinen Big Jim an die Fensterscheibe. Zack …

»Mama, warum ist der Polizist aus dem Bus gesprungen?«

Jetzt wusste Ulrike auch, was sie störte. Die automatische Flügeltüre stand offen. Regen wehte herein. Die Notverriegelung war geöffnet. Der Bus beschleunigte. Ulrike sah die Begrenzungspfosten.

Sie wollte dem Fahrer noch etwas zurufen, als ein Ruck durch den Sitz ging. Toni klammerte sich an die Haltestange vor ihm, in der anderen Hand hielt er Big Jim.

»Die Straße … zum Teufel!«, rief Ulrike dem Fahrer zu. Eine andere Stimme hinter ihr schrie, doch da war es zu spät. Der Fahrer kippte zur Seite und fiel über die Absperrung auf den Boden. Metallisches Knirschen. Der Bus schrammte an der Leitplanke entlang. Ulrike schaffte es aufzustehen. Sie fiel nach vorne, als der Bus schlingerte. Der Busfahrer lag reglos auf den Stufen vor der offenen Tür.

Jemand rief ihr zu, das Steuer zu greifen. Sie bückte sich, um nach dem Fahrer zu sehen. Sekunden später wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte, den sie nicht mehr korrigieren konnte. Es gab keine zweite Chance. Als sie sich aufrichtete, durchbrach der Bus die Leitplanke. Ein Baum durchschlug die Windschutzscheibe. Zwölf Tonnen bahnten sich eine Schneise durch die Kiefern. Regen peitschte in das Innere. Toni hatte seinen Big Jim losgelassen und klammerte sich an ihren Arm.

»Es ist so kalt …«

Ein zweiter Baum hatte den Bus von der Seite durchschlagen. Auf dem Platz, auf dem Greta gesessen hatte, war nur noch die zerrissene Polsterung. Eine klebrige Masse verteilte sich auf dem gesamten Sitz hinter ihr. Ihr Mann, der neben ihr gesessen hatte, hatte keinen Oberkörper mehr. Es war seine Stimme, die Ulrike gehört hatte, das Lenkrad zu greifen. Die schwarze Felswand stoppte die Vorwärtsbewegung des Busses. Ulrike hielt Toni fest. Sie musste aus dem Bus, bevor… Der Busfahrer war durch den Aufprall herausgeschleudert worden. Ulrike packte Toni, doch ihr Sohn war wie erstarrt und schüttelte den Kopf.

»Wir müssen raus, schnell!«

Toni klammerte sich an die Haltestange. Dann kippte der Bus zur Seite, und Ulrike erkannte durch die Seitenfenster, was Toni schon vorher gesehen hatte. Der Bus machte eine Rolle nach rechts, langsam

wie ein verwundetes Tier, das taumelt, bevor es stirbt. Sie fiel auf Toni, der zu weinen begann. Durch das Seitenfenster sah sie den reißenden Fluss in der Tiefe. Sie hingen über dem Abgrund, dreißig oder vierzig Meter über dem Tobel, ein Loch aus scharfkantigen Klippen, schwarzen Felsen und herabstürzenden Wassermassen.

Erdklumpen und Steine rutschten über die Kante in die Tiefe. Sie rasten an den kantigen Felsen entlang, bis sie in den Fluten verschwanden.

Der Bus kippte nicht weiter. Ulrike verstand nicht, was den Bus festhielt. Es dauerte einen Moment, bis ihr Verstand aus den Bildern einen Gedanken formte. Der Baum hatte den Bus durchbohrt und hielt ihn fest. An der Spitze hingen Teile der Nackenstütze, die Greta benutzt hatte, und draußen am Wipfel des Baumes hing zwischen einer Astgabel der Oberkörper ihres Mannes, in seinen Händen noch die Zeitung.

Ulrike griff nach Toni. Er war starr vor Angst. Sie wusste, wenn sie jetzt nicht sofort handelte, dann war es vorbei. Toni würde ewig ein Kind bleiben, festgemeißelt in einem Grabstein, er würde nie ein Mann werden, sie würde nie Großmutter werden. Sie konnte sich bewegen, das war das Wichtigste, obwohl der Bus auf der Seite lag. Unter ihnen gähnte der Abgrund. Sie spürte die Kälte des reißenden Wassers. Sie musste nach oben klettern, dem Baum folgen und an ihm zurückklettern. Toni schrie nicht, er bewegte sich nicht. Ulrike zerrte ihn an seinen kleinen Händen. Sie fasste nach dem Baum. Die nasse Rinde, blutverschmiert. Greta und ihr Mann hatten nicht einmal gespürt, was mit ihnen geschehen war. Gretas Mann hatte noch Sekunden gelebt, seine Augen bewegten sich noch weiter über die Anzeigen der Kleinanzeigen, als sein Oberkörper in der Astgabel hing.

Verschenke Gartenmöbel … Seine Finger lösten sich nicht von der Zeitung, obwohl er schon tot war. Ulrike kletterte an dem Baum zum oberen Fenster. Toni wimmerte. »Big Jim …«

Der Schlag war kaum zu spüren. Es war nur ein Ruck, ein störendes Geräusch. Das Fenster neben ihrem Platz zersprang, und Big Jim sank in die Tiefe und hätte Ulrike ihn nicht festgehalten, dann wäre auch Toni durch das Fenster gestürzt. Sie hielt ihn an seinem Handgelenk.

Toni war nicht schwer, doch Ulrikes Kraft ließ nach. Dann wurde Toni leichter, immer leichter. Sie konnte ihn an sich heranziehen. Sie drückte Toni fest an ihre Brust. Er zitterte. Alles war plötzlich so leicht, und sie erkannte auch warum. Sie presste Toni an ihre Brust. Schwerelos schwebten sie im Innern des Busses.

»Alles wird gut«, sagte sie zu Toni, der seine Arme um ihren Hals geschlungen hatte. Du drückst mir die Luft ab, nicht so fest … Doch mehr als zwei Atemzüge würden ihr nicht mehr bleiben. Toni konnte so fest zudrücken, wie er wollte. Der Bus hatte sich seitlich gelegt, als der Baum abgebrochen war. Der hintere Teil schlug gegen einen Felsen, was den Bus auseinanderriss. Zwei Mädchen verschwanden mit Schreien zwischen den Felsen. Wieder Schwerelosigkeit. Ulrike atmete ein, aus, ein … Tonis Kinderarme um ihren Hals. Du darfst zudrücken, zack, zack … Alles ist jetzt egal. Sie atmete ruhig ein, wieder ein Schlag, über ihr drehte sich der graue Himmel, der schwarze Felsen, Baumstämme, die neben ihnen mit abstürzten. Ulrike atmete ein … Ein Baum traf sie, sie spürte ihre Schulter nicht mehr. Sie fühlte Tonis Arme nicht mehr, sie sah ihn, wie er in den Wassermassen verschwand, der Bus hing an einem Felsvorsprung und rutschte tiefer.

Toni … Ulrike wollte sich abdrücken, um dahin zu springen, wo Toni verschwunden war. Ihre Schulter gehorchte ihr nicht, als sie sah, dass ihr ganzer Arm abgerissen war. Es knirschte, Metall auf Felsen, ihr letzter Blick nach oben, am Felsen überall Körperteile zwischen Schulranzen und zerfledderten Heften, herausgerissene Sitze, Blut, dann ein Ruck, sie spürte das eisige Wasser, und dann war nur noch das Rauschen des Tobels.

Noch Tage später würden die Krähen mit dem Picken von Eingeweiden und Gliedmaßen beschäftigt sein. Ein Feuerwehrmann glaubte eine Krähe zu sehen, die mit einer ganzen Hand über den Wald flog. Den Rest wusch der Regen von den Felsen in den Tobel. Lose Blätter und zerfetzte Hefte hingen wie Girlanden in den krummen Ästen der Latschenkiefern.

Drei Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Tobels fischte das Technische Hilfswerk heraus, was der Tobel übrig gelassen hatte. Schuhe mit Füßen darin, Zähne mit Kieferknochen, abgerissene Ohren, Schulranzen. Ein freiwilliger Helfer griff in sein Netz, als er den zerschundenen Kopf einer Puppe in der Hand hielt. Sie war noch intakt. Sein Sohn hatte ebenfalls einen Big Jim. Er drückte auf den Rücken der Puppe. Zack … Der Arm schnellte nach unten. Er steckte ihn in seine Tasche.

Der Regen hielt noch drei Tage an. Manche Wrackteile des Busses konnten nie geborgen werden.

1.

Das Moor nimmt, doch es behält nichts für ewig. Die Kaltenlocher kannten das Moor. Sie kannten die Erzählungen von Pferden, die samt der Gespanne in die Tiefe gezogen wurden, von unachtsamen Pilzsammlern, die, ohne eine Spur zu hinterlassen, vom Erdboden verschluckt wurden, und die Geschichte der Hexen, die der Henker kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg mit gefesselten Händen ins Moor werfen ließ.

Josef Bork hatte seinen Dienst in der Klinik beendet. Als Arzt hatte er sein Notfall-Handy in der Hosentasche. Der Wetterbericht hatte Regen angesagt. Er hatte den Hund mitgenommen und parkte auf einem der Plätze, die man für Moorwanderer eingerichtet hatte. Holztafeln erklärten die Entstehungsgeschichte des Moors, und bis man im Wald war, war man an mehr als zehn Warnschildern vorbeigelaufen. Was man im Moor auf keinen Fall tun sollte … Verlassen Sie niemals den Weg.

Josef Bork ließ den Hund von der Leine. Als er nach fünf Minuten nichts von seinem Hund sah oder hörte, rief er ihn. Er pfiff, doch keine Spur von seinem Hund. Bork folgte den Spuren in der aufgeweichten Erde. Das Moos unter seinen Schuhen gab nach. Moore waren eigentlich nur zugewachsene Gewässer. Verlassen Sie niemals den Weg. Es hatte die letzten zwei Tage geregnet. Der Moorboden war noch relativ fest. Er hatte keine Lust, bis zu den Knien im Schlamm zu stecken. Es war ein Fehler, den Hund loszumachen, dachte er sich.

Bork war müde und rief lauter. Ajax … Doch der Terrier reagierte nicht. Als er seinen Hund vor dem umgestürzten Baum sah, wie er in das aufgerissene Loch im Torf starrte und dabei mit dem Schwanz wedelte, dachte Bork zuerst an einen Fuchsbau. Kein Fuchs, von weitem hätte man das Ding für einen schwarzen Baumstamm halten können.

Bork zog den Hund zurück und beugte sich zu den Überresten, die einmal ein Mensch gewesen waren.

Das Moor behält nichts für ewig.

Die Haut der Leiche war schwarz, das Haar rot, die Lippen zu einem starren Grinsen zurückgezogen.

Einen Tag später, nachdem die Feuerwehr die Moorleiche geborgen hatte, lag sie auf einem der Metalltische in der Pathologie der Klinik. Die Polizei hatten Fotos vom Fundort gemacht, doch das war auch schon alles. Die Spurensicherung steckte den Fundort ab. Ein Polizist wartete gelangweilt unter einem Regenschirm, bis die Spurensicherung fertig war. Keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen, sagte der Polizist, jedenfalls kein Verbrechen, das sie etwas anginge. »Das ist eine Mumie, als hier die Menschen noch in Höhlen wohnten. Bringt sie in die Pathologie. Sollen die Rechtsmediziner ihren Spaß an dem vertrockneten Ding haben.«

So zog die Moorleiche aus ihrem nassen Grab in die Pathologie. Und keiner hätte von ihr erfahren, wenn nicht Christian Moosinger eine Schwäche für Mumien gehabt hätte…

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Der Textabschnitt ist der erste Abschnitt aus dem Thriller Der Tote im Moor von Christian Buder.

Christian Buder wurde 1968 in Memmingen geboren. Er studierte erst Betriebswirtschaft, dann Philosophie in Marburg, Paris und Chicago. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Berlin.

Als Aufbau Taschenbuch sind von ihm zwei sehr ungewöhnliche Kriminalromane erschienen, in denen die Heldin mithilfe der Philosophie Mordfälle löst: »Die Eistoten« sowie »Der Tote im Moor«.

Der Tote im Moor ist erhältich als Taschenbuch oder E-Book,

ISBN 978-3-7466-3129-5

1. Auflage 2015

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2015

Druck und Binden CPI books GmbH, Leck, Germany

Printed in Germany

www.aufbau-verlag.de

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Unsere Kolumne

Wir stellen in unserer Kolumne Autoren aus Memmingen und der näheren Umgebung vor – Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben, wie auch leidenschaftliche Hobby- oder Nachwuchsschriftsteller, Poeten, Schreiber von Songtexten, Kurzgeschichten, Krimis, Thriller, Romanen, Gedichten…

Unsere Kolumne versteht sich somit als literarische Plattform, in der sich jeder, der möchte, mit einem kleinen Werk, oder auch einem größeren literarischen Werk vorstellen oder öffentlich erproben möchte.

Willkommen sind alle, die Interesse haben, einzige Bedingung ist aus Memmingen oder der näheren Umgebung zu stammen.

Wir verarbeiten in der wöchentlich neu erscheinenden Kolumne (jeden Mittwoch) 1- max. 10 Seiten normaler Schreibweise am PC, benötigen ein Stimmungsbild oder das Buchcover plus gerne ein Portraitfoto, falls erwünscht.

Man kann dabei als Autor auch anonym bleiben, falls erwünscht, ansonsten kann man sich gerne auch in einem kurzen Text selbst vorstellen, der dann am Ende des Textes auf Wunsch beigefügt wird.

Wer mitmachen möchte, kann seinen Text und das/die Fotos gerne schicken an:  [email protected]

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