Eine Sommernacht – eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

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Natürlich fragt man sich gleich zu Beginn, wie es wohl ausgehen wird, wenn sich eine schöne Spitzenanwältin mit Spezialgebiet Scheidungen, die gerade in einer Bar wartend per SMS von ihrem (verheirateten) Liebhaber versetzt worden ist, aus Frust einem geschiedenen Kleinkriminellen an den Hals wirft, der wieder einmal in einer beruflichen Bredouille sitzt. Doch in dieser ersten Premiere der neuen Saison am Landestheater Schwaben ist nicht nur der Ausgang der Geschichte unerwartet.

Auch der Spielort ist ungewöhnlich, die Inszenierung sehr erfrischend, die Erzählform wechselnd und die Geschichte an sich wie eine Larve, die sich immer neu verpuppt.

Bei dieser schrill-schrägen Romanze aus der Feder des schottischen Autors David Greig befinden wir uns nicht im Theater, sondern in Breckel´s Brasserie, mitten in einer Bar, in der sich die Wege der beiden völlig unterschiedlichen Protagonisten der Geschichte durch Zufall kreuzen.

Das einzige, was die schöne Anwältin Helena mit dem nicht besonders auffälligen Kleingauner Bob gemeinsam zu haben scheint, ist ihr Alter und die Tatsache, dass beide gerade Frust schieben, dem sie nur allzu gerne entkommen möchten.

Bob versucht es zunächst mit dem Lesen von Dostojewskis Kellergeschichten im Halbdunkel der Bar, während Helena sich eine Flasche teuren Wein bestellt und schnell feststellt, dass ihr das nicht genügt, um ihrem Frust zu entrinnen.

All das erfahren wir abwechselnd aus ihrer Erzählung oder aus seinen gesprochenen Gedanken, im Spiel, in einer Geschichte, die sich in Zeitsprüngen entwickelt. Aus einer Erzählung, die ständig korrigiert wird, wie ein Buch, das man dreimal umschreibt, wie eine Geschichte, die man sich selbst glauben machen will.

Ebenso sprunghaft sind die Szenenwechsel, ebenso schnell die Ortswechsel von einer zur anderen Seite, in die Mitte der Bar und zurück, Tisch rauf, Tisch runter, gebrochen und untermalt von Musik und (tollen!) Gesangparts, begleitet von Tiny Schmauch am Kontrabass – Win Abbild unseres neurotischen Jahrhunderts, eindrucksvoll in Szene gesetzt von Greta Lindermuth, die mit diesem Stück ihre erste Inszenierung feiert.

Ob Helena an diesem Abend in der Bar tatsächlich Bob vorgeschlagen hat, die Flasche Wein zusammen zu trinken und anschließend wilden, ungezügelten Sex zu haben, oder ob sie das nur gedacht hat, wissen wir bis zum Ende nicht wirklich, was sich jedoch daraus entwickelt, ist offensichtlich genau dies – ein One-Night-Stand – dargestellt buchstäblich stehend auf einem Tisch.

Zumindest war es geplant als One-Night-Stand und es gab keinen denkbaren Grund für die beiden grundverschiedenen Charaktere, sich jemals wiederzusehen, vor allem nicht nach katastrophalem Sex. Und doch war es der Anfang für eine… andere Geschichte.

Die damit begann, dass sich ihre Wege auf unerwartete Weise einen Tag später nochmals kreuzen sollten inmitten einer sich entwickelnden Midlife-Crisis auf beiden Seiten: Helena vor der Kirche in einem von erbrochenem Hangover besudelten Brautjungfernkleid und der Einsamkeit, die nach dem missglückten Sex bleiern zurückkehrte, Bob, auf der Flucht vor seinem Gangsterboss, müde und mit einer Tüte voll Geld vom Verkauf eines gestohlenen Autos, von dem er nicht wusste, wo er es verstecken sollte, nachdem die Bank vor seiner Nase schloss.

Zwischen weiteren Songs, Musik, Gedankenblasen, Erzählung und Spiel, Claudia Frost, die als Helena in fliegendem Wechsel überzeugend in die Rolle des Gangsterbosses und zurück in die Haut der schönen Helena schlüpft, Tobias Loth, der als Bob einen äußerst gelungenen Einstand im Ensemble des Landestheaters feierte, entdeckt er, dass er sich nach all den wechselnden Frauen in seinem unsteten Leben nach diesem einen paar Hände sehnt, nach dieser einen Verbündeten. Und stellt fest, dass das Leben eben doch kein Pokerspiel ist, sondern eher eine Patience.

Während dessen denkt Helena, als sie erschöpft von ihrer Katastrophe neben Bob auf einer Bank sitzt, dass es sich so sonderbar angenehm anfühlt, neben ihm zu sitzen und einfach zu schweigen. Und es wohl heißt, dass man sich wirklich mag, wenn man das mit einem Menschen kann…

Als Bob vorschlägt, das ganze Geld in seiner Tüte in einer Nacht gemeinsam auszugeben, diese Nacht unvergesslich zu machen und verspricht, dass er danach, morgen, ein für allemal aus ihrem Leben verschwinden wird, stimmt sie begeistert zu.

Ob sie sich tatsächlich am nächsten Tag trennten, bleibt jedoch ungewiss, ähnlich ungewiss, wie die Geschichte selbst, die sich aus der einen oder anderen Sicht ständig transformiert: „Bestimmte Teile einer Geschichte lässt man weg, besonders, wenn man die Hauptfigur ist.“ – „Er lässt etwas aus, was sie hingegen besonders erwähnenswert findet…“.

Geschichten, so scheint es, werden in der Erinnerung immer neu geschrieben und auch eine Liebesgeschichte ist eben nur so gut, wie man sie erzählt.

Fotos:
Fotocredit: © Forster.

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