Ende Mai – 7. Kapitel aus dem Krimi „Leide!“ vom Memminger Autor Siegfried Langer

ende-mai-7-kapitel-aus-dem.jpg

Ende Mai

Sabrina Lampe lehnte die Kaiser’s-Plastiktüte unterhalb der Briefkästen an die Wand, damit sie nicht umkippen konnte. Danach öffnete sie die kleine Tür und es flogen ihr ein Anzeigenblatt, mehrere Supermarktprospekte und zwei Briefe entgegen. Sie bückte sich, um alles wieder aufzuheben. Beim einen Brief handelte es sich um eine Stromrechnung, der andere war ohne Absender.

Sie hatte eine Ahnung.

Mit dem Zeigefinger ritzte sie einen Schlitz ins Kuvert und fischte ein Blatt Papier heraus, das sie auseinanderfaltete.

Aus einer Zeitung ausgeschnittene Buchstaben formten eine Botschaft:

EINE LAMMPE LESST SICH AUCH AUSKNISPEN.

ICH BEOBACHDE DICH.

Als sie hinter sich ein Quietschen hörte, steckte sie das Blatt rasch zurück in den Umschlag.

„Ah, Sie waren bei Kaiser’s.“

Da wohnte ja noch eine weitere Detektivin im Haus. Es roch deutlich muffiger im Treppenhaus, seit Frau Schimmelpfeng ihre Wohnungstür geöffnet hatte.

„Plastiktüten. Sie wissen schon, dass die schlecht für unsere Umwelt sind, Frau Lampe?“

Ehe Sabrina reagieren konnte, fuhr Frau Schimmelpfeng bereits fort.

„Im Pazifik treibt bereits ein riesiger Plastikmüll-Strudel, größer wie Europa.“

Größer als, dachte Sabrina, schwieg aber lieber.

„Kam erst letztens im Fernsehen. Wussten Sie das, Frau Lampe?“

Sabrina steckte Briefe und Prospekte schnell in ihre Handtasche und nahm ihre Tüte auf.

Hoffentlich kam die Schimmelpfeng nicht schon wieder darauf zu sprechen, dass Lara angeblich zu laut Musik hörte.

Frau Schimmelpfeng kniff die Augen zusammen.

„Gestern hat jemand Altglas mitsamt der Tüte in den Container geworfen. Das ist mir bei der Durchsicht des Mülls aufgefallen.“

Wie wäre es mit einem Hobby, herzallerliebste Nachbarin?

Canasta. Rommé. Russisches Roulette.

„Die war auch von Kaiser’s.“

Frau Schimmelpfeng sah Sabrina vorwurfsvoll an.

„Ich war’s nicht“, sagte sie und ärgerte sich sogleich, dass sie sich in eine Rechtfertigungshaltung hatte treiben lassen.

Frau Schimmelpfeng sah nicht so aus, als ob sie ihr glauben wollte.

Sabrina wollte an ihr vorbei, in ihre Wohnung im ersten Stock; Frau Schimmelpfeng trat ihr in den Weg.

Hätte Sabrina eine Hand freigehabt, so hätte sie sich die Nase zugehalten.

Aus Frau Schimmelpfengs Wohnung roch es, als wäre dort eine Lepra-Kolonie.

„Aber das ist es nicht, warum ich Sie sprechen wollte.“

Aha, also doch die Musik!

Täuschte sie sich, oder war gerade eben Frau Schimmelpfengs Gebiss hin und her gerutscht?

Sie verdrängte den Gedanken daran, starrte an der Nachbarin vorbei, nach oben ins Treppenhaus.

„Es geht um meinen Neffen.“

Was? Die hat Verwandte? Ich habe noch nie welche gesehen.

„Er besucht mich nie.“

Vermutlich weiß er nicht, wo er sich eine Atemschutzmaske und Ohrstöpsel besorgen kann.

„Aber wir telefonieren öfters.“

Ja, das ist sicherer.

„Doch neuerdings wimmelt mich die Nadine immer ab.“; sie sprach den Vornamen mit einem ‚e‘ aus.

Mich wundert eher, dass sie keine Geheimnummer beantragt hat, dachte Sabrina.

„Ich war von Anfang an gegen die Heirat, auf mich hört ja keiner. Wie lange wohnen Sie jetzt hier, Frau Lampe? Zwei Jahre?“

„Sechs.“

„Da kann man sich doch langsam vertrauen. Wir sind uns ja selten in die Quere gekommen.“

Wie sagte schon Albert Einstein? Alles ist relativ!

„Sie sind doch Privatdetektivin, Frau Lampe.“

Klar wusste sie das. Frau Schimmelpfeng wusste alles hier im Haus. Über jeden.

Sabrina nickte. Die Tüte wurde ihr zunehmend schwerer, Sabrina stellte sie wieder ab und lehnte sie gegen das Treppengeländer.

„Ich wusste zwar nicht, dass auch Frauen das lernen können, und Sie sahen mir schon immer etwas mickrig aus, aber ich dachte mir: besser als nichts.“

Komplimente konnte sie verteilen, das musste man ihr lassen.

Frau Schimmelpfeng beugte sich nach vorn und ihr Atem erinnerte Sabrina an den des Spartaners.

„Wir müssen das nicht im Treppenhaus besprechen.“

Sie rollte mit den Augen: „Es gibt Nachbarn, die lauschen.“

Willkommen im Club!

Mit ihrer rechten Pranke griff Frau Schimmelpfeng nach dem Ärmel von Sabrinas Bluse.

„Kommen Sie doch kurz zu mir herein.“

Nein!, schrie alles in Sabrina auf. Ich will da nicht hinein. Ich werde nie mehr daraus zurückkehren.

„Ähm, meine Tochter wartet. Wir wollten kochen.“

Sie suchte nach einer weiteren Ausrede.

„Und danach ins Theater. Wir sind schon spät dran.“

Bitte, lass meine Bluse los. Ich möchte dich nicht anfassen und deine dicken Finger lösen müssen.

„Sie hat Besuch.“

„Wer? Nadine?“

Mist, jetzt hatte sie es ebenfalls mit einem ‚e‘ ausgesprochen.

„Nein, Ihre Tochter. Laura.“

„Lara.“

„Ja, Laura.“

„Dieser magere Junge ist nachmittags zu ihr nach oben. Sah mir nicht fürs Theater gekleidet aus.“

Bitte, ich will einfach nur nach Hause!

Moment, Mojito war oben?

‚Sturmfreie Bude‘ nutzen, Lara, ja?

Na, warte.

„Es ist mir sehr wichtig, Frau Lampe.“

Sabrina verstand nicht.

„Mein Neffe.“

Ach so, jetzt ging es wieder um den.

„Kommen Sie doch morgen früh gleich zu mir runter. Ich weiß, morgen ist Sonntag. Aber es ist wirklich dringend.“

Trotz starken Widerwillens erkannte Sabrina Sorge in Frau Schimmelpfengs Blick, große Sorge.

„Also gut“, sagte sie und bereute es im selben Augenblick.

Aber in die Lepra-Höhle bringen mich keine zehn Pferde.

„Besser, Sie kommen zu mir nach oben. Neun Uhr?“

„Ich stehe ja schon um halb sieben auf.“

Ihre Blicke trafen sich und fochten ein Duell aus.

„Acht“, lenkte Sabrina schließlich ein.

„Also gut“, antwortete Frau Schimmelpfeng. „Ich trinke meinen Kaffee mit Süßstoff und fettarmer Milch.“

Erst als Sabrina nickte, ließ die Nachbarin die Bluse los und trat einen Schritt zur Seite.

Rasch griff Sabrina ihre Tüte und drängte vorbei.

Als sie die halbe Treppe oben war, rief Frau Schimmelpfeng ihr etwas nach: „Ich bin dann um halb acht bei Ihnen!“

Sabrina kapitulierte.

________________

Der Ausschnitt Ende Mai ist das 7. Kapitel aus dem Krimi Leide! vom Memminger Autor Siegfried Langer. Sein aktueller Krimi Sterbenswort ist übrigens seit einer Woche in den Top 100 der Amazon-Bestsellerliste!

Leide! ist im Buchhandel erhältlich. Sterbenswort ist sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book exklusiv bei Amazon erhältlich.

Mehr Infos über den Memminger Autor findet ihr auf www.siegfriedlanger.de.

scroll to top