„Faszination Bayern“ aus der Sicht von Maxi Schafroth

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Im „Kampfanzug des Raiffeisenvorstandes“ – wie der in einer 78-Seelengemeinde geborene Kabarettist den Trachtenjanker auch liebevoll nennt – begrüßte Maxi Schafroth seine Gäste im prall gefüllten Saal der Memminger Stadthalle. Doch den „pan-bajuwarischen Kittel“, der „automatisch Autorität verleiht“, legte er bald ab, denn „ma schlupft nei und verfilzt“, doch bei seinem speziellen „Heimatabend“ sollte es vielmehr um „Vielfalt“ und „regionale Verständigung“ gehen.

Schließlich sei Vielfalt eine Stärke des Allgäus, so der sympathische Humorist mit den funkelnden Augen und dem schelmenhaften Dauergrinsen im Gesicht, der in einer Landwirtschaft in Stephansried bei Ottobeuren groß geworden ist, Bofrost-Fahrer werden wollte, um mit gefrorenen Kroketten um sich werfend bei den älteren Damen des Dorfes zu punkten, anstelle dessen aber eine Banklehre machte und Kabarettist wurde.

2007 erprobte er seine Neigung zum Kabarett das erste Mal auf einer Bühne und bereits 2009 gewann er mit seinem ersten Soloprogramm „Faszination Allgäu“ Kabarett-Preise wie das silberne Scharfrichterbeil in Passau und den Kabarett-Kaktus in München. 2017 wurde er mit dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnet.

„Faszination Bayern“ ist der zweite Meilenstein seiner von langer Hand geplanten Kabarett-Trilogie. Die Idee dazu hatte Schafroth nach eigener Aussage im Alter von sieben Jahren beim Berühren des elektrischen Weidezauns in Gumpratsried bei Eggisried. „Das war bewusstseinserweiternd!“, so Schafroth, der sich an diesem Abend für die Verspätung entschuldigt, weil sich im Parkhaus der Memminger Stadthalle ein Stau gebildet hatte, wahrscheinlich, „weil ein Bauer aus Hawangen vergessen hat, bei der Einfahrt ins Parkhaus den Frontlader abzusenken“.

Buchstäblich auf der Bühne hüpfend bewegt sich Maxi Schafroth spielerisch zwischen den Eigenheiten von Land, Kleinstadt und Metropole hin und her als V-Mann zwischen den „pan-bajuwarischen Weltgefügen“ und deren bunter Vielfalt.

Vom Spaltenboden im Viehstall mit Katzen als einzigem „Spielzeug“ springt er über den Lech als natürliche Kulturgrenze, um den Gesichtschirurgenkindern aus Starnberg zuzusehen, wie sie sich mit Schwimmnudeln vergnügten, während sein Vater ihnen anstelle dessen den Isolierschaum aus den Fensterfugen schnitt.

Während er bemerkt, dass man „nach blede Städte num fährt“, fährt er hochachtungsvoll vom Land „auf Memminga nei“, um mit erweitertem Horizont zurückzukehren und der Erkenntnis, dass Daunensteppjacken ein Statussymbol für ein ausgeklügeltes Kastenwesen sind und die riesigen Pfeffermühlen des „Savoire vivre de Memmingen“ der Grund, warum man einen SUV braucht.

Als aufmerksamer Beobachter bereist er die Vielfalt Bayerns, entdeckt die Streitkultur der Ostallgäuer „I sog nix“, die Sparsamkeit der Schwaben Bayerns „uns reichen 15 Grad fürs große Glück“, das Selbstbewusstsein der Oberbayern „I bin do!“ und die gewollte Eigentümlichkeit der Allgäuer als solche, die „erst spät zu Bayern dazugekommen sind“.

In der Landeshauptstadt München, die man aus dem Allgäu per Zug „auf dem weit entfernten, nachträglich angeflanschten Asbestblock-Bahnsteig-für-die-zähen-Allgäuer“ erreicht, stellte er fest, dass die Münchner eine Schwäche fürs Ländliche haben. Vor allem, als er Patentanwälte in Anzügen mit feuchten Augen am Wurzelbürstenregal in der Baywa für Neureiche stehen sieht und er begreift, dass sie zurück zur Natur wollen – „genau dahin, woher wir kommen!“

Was womöglich der Grund ist, warum Maxi Schafroth so erfolgreich ist mit seinen Resozialisierungsprogrammen für Angestellte der mittleren Führungsebene, die er barfuß im Spaltenboden seines Viehstalles anbietet, oder seinem Gletscherhüttenseminar „Loslassen“ für überspannte „Helicoptering Parents“, welche ihm die Nominierung zum „Entrepreneur of the Year“ seiner Heimatgemeinde Stephansried einbrachten und ihn über Nacht bei Wikipedia auf Platz zwei der prominentesten Personen der 78-Seelen-Gemeinde katapultierten – gleich nach Wunderheiler Sebastian Kneipp.

Ebenso spielerisch bewegt sich Maxi Schafroth auch zwischen verschiedenen bayerischen Dialekten, Hochdeutsch und trendigem Business-Englisch hin und her, wenn er mit dem Busunternehmen Kutter im Lodenmantel einen Kurztrip nach Berlin macht, oder in NRW erklären muss, dass „mir im Allgei kei Bayerisch schwätzat“ und geht fließend vom Erzählerischen zum Gesang über – auch in perfektem Englisch.

Begleitet wird er dabei von seinem klasse Gitarristen und Hofnachbarn Markus Schalk – beides „designierte Hoferben und deshalb momentan auf der Flucht“ – sowie dem „Chor der drei quirligen Buben der Jungen Union Miesbach“ bei mehreren „Gstanzeln“, die von der „Allgover reality und den Allgover hopes“ erzählen.

Doch all die Vielfalt in diesem großen Bundesland bringt uns Maxi Schafroth nur vor Augen, um „das Miteinander“ und den „regionalen Austausch“, das „regional socializing“ zu fördern: „Jeder soll heute ´mal einen Württemberger umarmen – wie fühlt er sich an, der Württemberger, wie riecht er?“…

Als kollektive Therapie schlägt der Ineffizienzcoach vor, sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit zu nehmen, komplett ineffizient und unrentabel zu sein und sich in kollektivem Egalsein zu üben, oder mit unkonventionellen Ideen einen kommunikativen Ruck in öffentlichen Verkehrsmitteln zu erzeugen.

„Authentizität kann man nicht lernen, Authentizität ist man“, sagt Maxi Schafroth selbst und genau das scheint er zu sein: ein heimatverbundenes Naturtalent, der nicht nur mit einer humoristischen Gabe geboren zu sein scheint, sondern Humor als einen vielseitig einsetzbaren, sozialen Schmierstoff betrachtet: „Mit Humor geht es besser.“

Fotos: aus eigener Quelle.

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