Gelebte Poesie eines reichen Lebens – Konstantin Wecker

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„Ich singe, weil ich ein Lied hab“, war eines seiner ersten Lieder, das Konstantin Wecker mit seinem Publikum in einem seit Wochen ausverkauften Festzelt auf seiner 70 Jahre Geburtstagstour teilte. Als kultureller Höhepunkt von Rapunzels Eine Welt Festival am vergangenen Wochenende teilte die lebende Liedermacherlegende, Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor, in einem dreistündigen Konzert sein reiches Leben und seine tiefen Erkenntnisse in Form von geballter Poesie mit der Wucht von bewegender Aufrichtigkeit.

Konstantin Wecker flanierte grüßend durch den Zuschauerraum auf die Bühne „Ich mag die Nähe zu meinem Publikum“, das er gleich zu Beginn herzhaft zum Lachen brachte, als er auf der Bühne über sein aktuelles Alter von 70 Jahren laut reflektierte: Es sei unglaublich, was in diesem Alter alles wegfalle. „Wie lange habe ich darauf gewartet, so alt zu werden. Und wieviel habe ich getan, um nicht so alt zu werden…“

„Ich singe, weil ich ein Lied hab“, beschrieb als eines seiner ersten Lieder an diesem Abend seine Motivation zu singen. Etwas mit der Welt zu teilen. Und er hat so viel, was er teilen kann. So viel, was er bereit ist zu teilen. So viel Wärme, die von ihm ausstrahlt „Ohne zu wollen zu geben“, so viel Abgeklärtheit, bei ebenso viel Humor und Selbstironie „Kann man in dem Alter noch Liebeslieder schreiben?“

Er erzählt in seinen Liedern und er erzählt zwischen den Liedern aus seinem reichen Leben. „Der alte Kaiser“: In den 70er Jahren sei ein alter Kaiser nicht jemand gewesen, der einem leidtun musste. „Es war die Zeit der `Trotzkisten WG´, der Beginn meiner künstlerischen Laufbahn, als ich noch 20 Leute als Publikum hatte.“ Er erzählt und man will ihm einfach nur zuhören, wird Teil seines Lebens, fühlt sich ihm nah.

Seine Lieder sprühen vor Intensität und Leidenschaft und drücken sich aus in Worten purer Poesie. „Die Poesie in meinen Liedern hat nie gelogen. Nur mein Rollenspiel“, sagt er über sich selbst mit lächelnder Selbstironie, während er sich erinnert an die 70er Jahre, als er im bodenlangen Nerzmantel herumspazierte und in einem Firebird durch München brauste.

Er habe selbst in seine Poesien intellektuell hineinwachsen müssen, die zum großen Teil vor so langer Zeit entstanden sind und die er erst heute wirklich ausfüllt – wie ein Bub, der in die Jacke seines Vaters gewachsen ist.

„Die Männlein spielen wieder Mann“, hatte sein Vater damals zu seinem Auftreten gesagt, während seine Zeitgenossen ihn kritisierten, dass was er singt nicht im Einklang ist mit dem, wie er auftritt.

Doch die Poesien, erzählt er zwischen zwei weiteren Liedern, habe gar nicht er selbst geschrieben. Er ist davon überzeugt, dass sie ein Maulbeerbaum geschrieben habe, den er seit langen Jahren immer wieder aufsucht, er selber schreibe sie nur nieder.

Welch große Rolle sein Vater in seinem Leben spielte und spielt, drückt Konstantin Wecker ebenso offen aus, wie alles andere: Als überzeugter Pazifist verweigerte sein Vater den Kriegsdienst, weil er zuerst von Menschen, die er nicht kannte – in Form seiner Vorgesetzten – angeschrien wurde, und dann auf andere Menschen, die er nicht kannte, hätte schießen sollen. Das ergab für seinen Vater keinen Sinn.

Ein Vater, Pazifist und Menschenfreund, wurde von seiner etwas autoritäreren Frau an einem Punkt aufgefordert, dass er seinem Sohn – ihm –  jetzt ´mal den Hintern versohlen müsste, woraufhin er ihn mit ins Schlafzimmer nahm und mit ihm ausmachte, dass er laut aufs Bett klopfen werde, und er laut „Aua“ rufen solle.

Ein Vater, der trotz guter Stimme als Opernsänger nie besonders erfolgreich war, ihm aber gelehrt habe, dass die innere Haltung wichtiger ist als äußerer Erfolg. Den er, der Sohn später hatte. – „Dankbar sein fiel mir früher nicht ein, weil man als eigenen Verdienst nahm, was in Wirklichkeit nur Glück war.“

Zum Glück war es recht dunkel, dort wo ich stand, denn die Wucht der Ehrlichkeit und der Wahrhaftigkeit des Menschen, des Liedermachers Konstantin Wecker trieb mir an diesem Abend mehrfach die Tränen in die Augen. In der Pause stellte ich fest, dass ich nicht die einzige war…

In den 80er Jahren schrieb er „Was passierte in den Jahren“, ein Lied, von dem er selbst sagt, dass er diesem Lied damals intellektuell noch nicht gewachsen war. Ein Lied, das vom „Erwachsen werden“ spricht, von Anpassung an ein Weltbild und dem fehlenden Mut, sich den Dingen, den Zweifeln zu stellen, „anstatt die Ängste zu durchwandern, übst Du Dich, sie zu übersehn“… „ach es gibt so viele Schliche, um sich selbst zu hintergehn….“ Doch am Ende ist auch dieses Lied ein Mutmacher „…doch da muss jetzt was passieren, zu viel Zeit ist schon verschenkt… komm, wir gehen mit der Flut, und verwandeln mit den Wellen unsre Angst in neuen Mut.“

Als sein erstes Kind zur Welt kam, beschloss er, sich dem Erwachsenwerden zu stellen. Im Alter von 50 Jahren. Bis dahin war er der Meinung, unsere Gesellschaft müsse pubertär bleiben. „Doch“, stellte er dann fest, „jemand, der in sich ruht, sucht nicht ständig nach neuen Produkten.“

Seine Stimme hat indes nichts von ihrer Kraft eingebüßt, die Klangfarbe mag sich geändert haben, doch auch sein für ihn charakteristisches Tremolo ist unverkennbar. Ja, er ist älter geworden, aber voller Vitalität, er ist wie ein guter Wein im Barrique gereift, weiser geworden, doch mit bestechendem Humor und ungebrochenem Lebensmut.

Seine Schwächen machte er zu seiner Stärke und teilt alles mit seinem Publikum, mit der Welt, die er dankbar umarmt, obwohl, oder gerade weil sie ihm auch die tiefsten Abgründe des Menschseins offenbarte „Die Schwester meines Glücks“, ihn „wie einen jungen Hund mit der Nase in die Sch… tauchte“, „Du würdest gern die Brandung sein und endest als Gischt“ und sich ihm dennoch ihre Schönheit erschloss „Mit Scheuklappen rennen wir durch eine Welt voller Wunder…“, und tiefe Liebe erleben ließ „Weil ich Dich liebe“.

Konstantin Wecker teilt, teilt sich mit, teilt seine Erkenntnisse „Patriotismus ist der erste Schritt zur Überheblichkeit“, „Für gelebtes Leben braucht es keinen Beweis“… Er berührt, meint, was er sagt – Als er das Zögern im Publikum merkt, nachdem er es auffordert, sich gegenseitig zu umarmen, ermutigt er, schiebt nach: „Nur Mut, das darf man nicht nur am Kirchentag“.

Von anderen Menschen inspiriert, vertonte Konstantin Wecker neben seinen Eigenkompositionen auch Gedichte, wie „Was keiner wagt“ von Lothar Zenetti, Theologe, Priester und Schriftsteller „Was keiner wagt, sollt ihr wagen, was keiner sagt, das sagt heraus, was keiner denkt, das wagt zu denken, was keiner anfängt, das führt aus…“.

Oder „Georg Heim – Der Krieg“ – ein Text des Expressionisten Georg Heim, der über das Grauen des Weltkrieges spricht, welchen Konstantin Wecker vertonte und ins Heute übertrug „Zweimal kam der Krieg mit aller Macht und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht“.

„Gefrorenes Licht“ widmete er seinem verstorbenen Freund Physiker Hans-Peter Dürr, wegen dem er beinahe einen Flug verpasst hatte, weil der leidenschaftliche Wissenschaftler noch nicht fertig war, dem Taxifahrer die Relativitätstheorie zu erklären. Es entstand, als sein Freund und Wissenschaftler ihm selbst zu erklären versuchte, dass Materie nichts anderes als erstarrte Energie ist…

Auch den Mitgliedern der „Weissen Rose“, die 1943 hingerichtet wurden, widmete er ein Lied „Es ging ums Tun und nicht ums Siegen“, vertextete Beethovens Neunte „Lasst uns jetzt zusammenstehn, es bleibt nicht mehr so viel Zeit, lasst uns lieben und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit“.

Um sich herum schart Konstantin Wecker hochkarätige Mitmusiker und Multiinstrumentalisten, wie etwa sein Pianist, der ihn seit 40 Jahren begleitet, mit dem er an diesem Abend ein fulminantes Duett spielt, Perkussionist Wolfgang Deixner, der sich mit Komawissenschaft beschäftigt, die Cellistin Fanny Kammerlander, die u.a. mit Sting gearbeitet hat und gleichzeitig wundervoll singt.

Doch auch weitere Gäste begrüßte Konstantin Wecker auf der Bühne: Vivid Curls, die sichtbar gerührt von diesem großen Liedermacher ihren Eine-Welt-Song einbrachten, „die eine Welt-Hymne“ die sie für Rapunzel geschrieben haben, und einen Sänger des „Büro für Offensivkultur“ (BOK), das Konstantin Wecker und Heinz Ratz 2016 gründeten, um der neu erstarkten rechten Szene – mit kulturellen Mitteln – etwas entgegenzustellen.

Am Ende seines dreistündigen Konzertes aus purer Poesie und dem Tiefgang eines reichen Lebens wurde der Nonkonformist, der Poet unter den Liedermachern Konstantin Wecker, mit Standing Ovations herzlich von seinem Publikum verabschiedet. Doch nicht bevor er sich noch einmal direkt zu seinem Publikum begibt und sich händeschüttelnd, umarmend, persönlich von ihm verabschiedete.

Fotos: Christine Hassler.

Mehr Fotos von diesem mitreißenden Konzert von Konstantin Wecker auf unserer Facebookseite.

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