Teil 2 aus „Bilder einer Ausstellung“ von Norbert Büchler

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Aus dem 2. Kapitel (Fotsetzung des horhergehenden Abschnittes)

Frank ließ Montreux hinter sich, passierte das in den See gebaute Chateau Chillon und folgte hinter Villeneuve der Straße landeinwärts, bis sie bei Bouveret wieder am Wasser entlang führte. In St. Gingolph überquerte er die Grenze zu Frankreich und nach wenigen Kilometern erreichte er Meillerie, wo er wie üblich im Hotel du Lac abstieg. Es lag direkt an einem kleinen Bootshafen, dessen Beschaulichkeit nur einer der Gründe war, weshalb Frank diesen verschlafenen Ort so schätzte: Am Genfer See gelegen und aus irgendwelchen Gründen nie mondän geworden. Ähnlich dem Hotel, dreistöckig und mit einer Fassade, welche mit ihren Jugendstilornamenten an goldene Zeiten erinnerte, auch wenn die zum See hinausgehende Terrasse in den siebziger Jahren mit rauchbraunem Glas zum Wintergarten verunstaltet worden war und seither das Restaurant beherbergte. Doch Frank liebte diesen Makel genauso wie die verschnörkelten Schriftzüge des Hotelnamens an jeder Seite des Gebäudes. Als er es vor Jahren entdeckte, lag an der Rezeption ein Hausprospekt mit dem Bild eines amerikanischen Schauspielers, den Frank als drittklassigen Westerndarsteller zu erkennen glaubte und der das Hotel mit einem markigen Cowboyspruch lobte. Diese Glanzzeit war lange vorbei, die Zimmer mit ihrem morbiden Charme und der zweckmäßigen Einrichtung erinnerten eher an ein aufgegebenes Etablissement, in denen früher halbseidene Revuetänzerinnen ihre Bleibe hatten. Lediglich das Restaurant hatte die Jahrzehnte auf hohem Niveau überstanden.

Als er nun die Rezeption betrat und die unnachahmliche Eleganz des weißhaarigen Monsieur Toule erwartete, überraschte ihn eine junge Frau in Jeans und T-Shirt, die ihn durch ihre schief sitzende Brille interessiert musterte. Auf seine Nachfrage stellte sie sich als neue Besitzerin vor, die das Hotel zusammen mit ihrem Mann, der mit dem Restaurant seinem ersten Michelin-Stern näher kommen wollte, erworben habe. Die Zimmer seien inzwischen alle mit Nasszellen ausgestattet worden, man plane zudem eine grundlegendere Renovierung in einigen Jahren. Beim Ausfüllen des Gästeformulars beobachtete ihn die kleine Tochter der Besitzerin, die eine bunte Spielzeugbrille trug, welche genauso schief saß wie die ihrer Mutter. Gespannt trug Frank – einen Aufzug gab es aus Platzgründen nicht – seinen Koffer nach oben und wurde nicht enttäuscht. Das Mobiliar war unverändert, wenngleich es noch abgenutzter aussah als bei seinen letzten Besuchen. Die Nasszelle hingegen war neu. Er fand es aufrichtig von der jungen Frau, diese in eine Zimmerecke gesetzte Kunststoffbox nicht als Bad zu bezeichnen. Offensichtlich hatte man noch Reste der alten Zimmertapete auftreiben können, deren fehlende Patina aber ins Auge stach und damit den Versuch zunichtemachte, die Nasszelle nahtlos ins Zimmer zu integrieren. Wenn man – wie er – den Genfer See zu seiner eigentlichen Heimat auserkoren hat, musste man sich in Bescheidenheit ergeben, sonst waren längere Aufenthalte ruinös. Wahrscheinlich war dieses Hotel der einzig mögliche Ort dafür.

Er öffnete das Fenster mit Blick auf den See. Direkt unter ihm legte gerade ein Segelboot im Hafen an und weiter draußen zog ein Ausflugsschiff seine Linie in Richtung Lausanne, dessen Konturen sich in der Ferne abzeichneten. Er packte seinen Koffer aus, legte sich auf das Bett und schlief, von der Fahrt ermüdet, sofort ein.

Später duschte er ausgiebig und suchte dann in der vom Wasserdampf vernebelten Nasszelle nach einer Türklinke, wobei er die Toilettenspülung auslöste. Er tastete weiter die feuchten Plastikwände ab, bis er die Tür schließlich öffnen konnte. Die Dampfschwaden zogen durch das Zimmerfenster ins Freie ab.

Im Restaurant entschied er sich für einen Tisch in der Ecke und die Besitzerin, nun elegant gekleidet und geschminkt, brachte ihm die Speisekarte. Ihre Brille saß noch immer schief. Er entschied sich für das Menu du Jour. Mit Anne war das Bestellen im Restaurant immer ein langwieriges Entscheidungsdrama gewesen, eine Erblast ihrer Mutter. Bei dem Gedanken überkam ihn eine Art posttraumatischer Müdigkeit. Seine Schwiegermutter hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er ihr als Schwiegersohn nicht passte: Zu bieder, zu gewöhnlich, zu langweilig. Das gleiche äußerte sie allerdings auch über Anne, ihrer einzigen Tochter. Die Schwiegermutter war eine Art Naturgewalt und immer bereit, in Begeisterungsstürme auszubrechen. Vor allem Neues und Unbekanntes entfachten diese ekstatischen Beben und obwohl nur von kurzer Dauer, waren sie schwer erträglich, weshalb ihr Mann diese Buschfeuermentalität nicht allzu lange überlebte. Leider erbte Anne eine nicht unbeträchtliche Dosis dieses mütterlichen Vulkans, was auch ihrer Ehe abträglich war. Franks Art, die Dinge bedächtig anzugehen, von der Schwiegermutter als komatöses Phlegma verhöhnt, kollidierte ständig mit Annes Energieschüben. Dass sie sich selbst angesichts der mütterlichen Urgewalt keineswegs als kraftvoll wahrnahm, im Gegenteil, jede ihrer Anstrengungen versinnbildlichte für sie den verlorenen Kampf gegen ihre übermächtige Mutter, machte alles noch komplizierter. Ihre Diskussionen endeten trotz Franks analytischer Sorgfalt meist betrüblich. Seiner üblichen Schlussbemerkung, wenig Lust zu haben, sich ebenso frühzeitig wie sein Schwiegervater vom Acker machen zu müssen, nur weil er eine gewisse Gelassenheit schätze, folgte Annes ebenso verzweifelter wie hilfloser Blick aus tränenfeuchten Augen.

Die junge Frau kam an den Tisch und nahm seine Bestellung auf, empfahl ihm zum Menü einen leichten Rotwein, vorzugsweise einen Lavaux vom nahen Seeufer, der hervorragend zu der Hauptspeise passe. Er nahm ihren Vorschlag an. Wäre seine Schwiegermutter dabei gewesen, hätte es Ärger gegeben. Ihr ungefragt etwas zu empfehlen, war mehr als nur unvorsichtig, es kam einem Affront gegen ihr in über siebzig Jahren angehäuftem Erfahrungswissen gleich. Anne blieb beim Bestellen dagegen immer höflich, konnte sich aber für nichts entscheiden.

Im Moment freute sich Frank an der Abwesenheit beider und versank in den Anblick des Sees. Es war still, die anwesenden Gäste unterhielten sich dezent, selbst vom Hafen her drang kein Geräusch. Die junge Frau brachte ihm die Flasche Wein, entkorkte sie routiniert und schenkte ihm ein wenig davon in das Glas. Er roch daran, schwenkte das Glas und nahm dann einen Schluck. Für sein Lob schenkte sie ihm ein derart charmantes Lächeln, dass er sich beglückwünschte, wieder hierhergekommen zu sein.

Letztlich hatte er dies Juliette Jouard, einer jungen Geigerin aus Evian, zu verdanken. Die ungewöhnlich frühe Sommerpause seines Orchesters dauerte dieses Jahr sieben Wochen, er hatte Zeit im Überfluss, weshalb ihm Juliettes Anfrage, sie auf ihr anstehendes Probespiel für eine Orchesterstelle vorzubereiten, gelegen kam. Das Unterrichten begabter Talente bedeutete eine willkommene Abwechslung, vor allem wenn diese am Genfer See wohnten.

Nach dem Essen kam der Koch zusammen mit seiner Frau an den Tisch. Er war Frank ebenso sympathisch wie dessen Frau, sie schienen fleißig und begabt und hatten den Mut aufgebracht, viel Zeit und Geld in dieses Hotel zu investieren. Er lobte das Essen und die Speisekarte mit ihrer kleinen, aber exklusiven Auswahl. Der Koch strahlte ihn an und verschwand wieder in der Küche.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Er schlenderte am beleuchteten Uferweg entlang und blickte auf das Lichtermeer am gegenüberliegenden Ufer. Von einem Steg aus konnte er das hell leuchtende Montreux und seine bis hoch über dem Ort liegenden Ausläufer erkennen. Irgendwo dort oben hatte Stiller, Max Frischs berühmte Romanfigur, mehr als nur das Haus seines Lebens gefunden. Er ging zurück ins Hotel, las noch einige Seiten und fiel dann todmüde und zufrieden ins Bett.

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Der Textausschnitt ist aus „Bilder einer Ausstellung“ von Norbert Büchler, erschienen 2014 im Verlag BoD, Norderstedt, als Taschenbuch, 200 Seiten (7,90 €  (ISBN 978-3-7322-7891-6) //  eBOOK  4,49 €).

Die Romane „Inselfluchten“ sowie „Bilder einer Ausstellungen“ sind überall im Buchhandel und online erhältlich.

Norbert Büchler startete als Musiker / Gitarrist im Rock- und Folkbereich und kam erst später zum literarischen Schreiben. Er wohnt in Memmingen und Stuttgart. Neben dem Schreiben von Romanen und Erzählungen lebt er von einem pädagogischen Brotberuf.

Mehr Infos über den Autor auf seiner Homepage www.norbert-buechler.de.

(Foto: Susanne Marx)
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