Warum Tatoos? – Die Motivationen sind vielfältig

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Die Memminger Tattoo-Convention versprach spektakuläre Kunst auf blanker Haut und lockte hunderte von Menschen an. Bei diesem trendigen Phänomen „Tattoos“ war ich vor allem auf die Motivationen derer neugierig, die sich für ein Tattoo entschieden haben. Mit unterschiedlichen und ebenso erstaunlichen Ergebnissen, doch einem gemeinsamen Nenner.

Bleibende Kunst auf blanker Haut. Motive verewigt auf dem eigenen Körper. – Tattoo ist ein trendiges Phänomen geworden, das sich mittlerweile sogar in TV-Serien manifestiert. Es gibt keine Lösch-Taste wie beim PC, man kann es nicht wegradieren, wegwaschen oder den Malgrund neu grundieren wie bei der Malerei auf Leinwand und einfach wegwerfen geht auch nicht, denn es ist die eigene Haut.

Was bringt Menschen dazu, sich für ein Tattoo zu entscheiden? Fragte ich mich, die selbst in Sachen Tattoos ein komplett unbeschriebenes Blatt ist und als einziges ein unbeabsichtigtes „Goa-Tattoo“ trägt: die Narbe einer Verbrennung an der Wade von einem heißen Auspuff von zu eng geparkten Zweirädern, die ich mir in Goa (Indien) zugezogen habe.

„Was ist Dein Beweggrund, Dich für ein Tattoo zu entscheiden?“, frage ich zuerst Sebastian, der sich gerade ein gotisch anmutendes Kreuz tätowieren lässt. „Weil es gefällt, es sieht schön aus. Es drückt etwas aus. Eine Überzeugung.“ Was, wenn sich Deine Überzeugung ändert? frage ich ihn. „Die wird sich nicht ändern“, antwortet Sebastian mit einem versichernden Augenaufschlag, „es ist meine Lebenseinstellung“ und die möchte er zeigen. Allerdings an einer Stelle, die man im Falle bedecken kann: „Am Hals wäre es immer sichtbar“, sagt er, also wählte er den Unterarm.

`Das kenne ich´, dachte ich, als ich weiterlief, `ich habe mich auch erst einmal bedeckt gehalten, als meine Überzeugung, dass es überall „besser“ sein muss, als an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, sich in Luft auflöste: Als ich nach weiteren Standorten innerhalb Deutschlands und über 18 Jahren Auslandsaufenthalt in zwei Kontinenten merkte, dass die Welt ein Dorf ist, jeder Ort ebenso Positives wie Negatives bereithält und Paradiese auch nur die Idee vom Paradies reflektieren, änderte das meine Lebenseinstellung maßgeblich. Besser also, wenn man Überzeugungen bedecken kann´… dachte ich schmunzelnd und suche mir meinen zweiten Interview-Partner.

Meine zweite Befragte ist selbst Tattoo-Artistin und genau das Gegenteil von Bedecktheit: Ein großer Teil ihres sichtbaren Körpers ist mit Tattoos bedeckt. Die Beine, die aus einer kurzen Hose hervorkommen sind beide fast komplett verziert, ebenso wie ihre Arme. Für Juliane ist ihre Körpertätowierung eine `Therapie´, wie sie selbst sagt. „Ich verarbeite so mein Leben, schreibe meine Geschichte auf meinen Körper. Andere gehen zum Psychiater, mir helfen die Tattoos, meine Erlebnisse aufzuarbeiten und sie abzuhaken“, erklärt mir die junge, sehr attraktive Tattoartiostin Juliane. Auf meine Frage, warum sie das nicht einfach in ein leeres Buch schreibe, antwortet sie, der Schmerz gehöre dazu, “aber dieser Schmerz ist vergänglich, danach geht es mir besser.“

Unweigerlich muss ich an Selbstkasteiung denken, die auf der Idee von „Schuld“ basiert. Schuld, die man versucht, sich selbst weg zu prügeln, anstatt sich der Verantwortung zu stellen, daraus zu lernen und bereichert durch eine neue Erkenntnis einfach weiterzugehen. Anstelle dessen frage ich Juliane, wie etwas beim Abhaken helfe, wenn man es verewige? Es sei einmal die Auseinandersetzung, Schmerz inbegriffen, so die Tattoo-Artistin, auf der anderen Seite aber auch die Erinnerung daran, sodass man es nicht vergesse. Außerdem habe sie auf ihrem Körper beides verewigt: die positiven, wie auch die negativen Erfahrungen.

Für Bernd ist Tattoo vor allem Körperschmuck. Auf seine gewählten Motive angesprochen erklärt er mir, dass sie alle mit seiner Familie zu tun haben, seiner Frau und seinem Kind, die ihm sehr wichtig sind: „Meine Familie ist das Beste, was ich habe, deshalb möchte ich sie auf meinem Körper verewigen. Meine Familie ist etwas, was mir immer bleibt.“ Sein erstes Tattoo ließ er sich mit 36 Jahren stechen und war seinem Sohn gewidmet, der neben ihm steht und zusieht. „Sag der Frau, was Du für Deinen Papa bist“, sagt Bernd an seinen etwa 6-7 Jahre alten Sohn gerichtet. Der brummt etwas Unverständliches, und als sein Vater ihm mit der Antwort „sein Goldschatz“ zuvorkommt, sagt mir das Gesicht des großen Jungen, dass sich die `Goldschatz´- Nummer bald überlebt haben wird und er sich in seinem Alter entweder einem neuen, seinem Alter angepassten Kosenamen wünschen würde, oder er diese Intimität nicht mehr jedem auf die Nase binden möchte.

Tja, so ist das mit der `Ewigkeit´ bei Menschen, sie währt eben nur so lange, bis sie sich verändert. `Du wirst zynisch´, denke ich an mich selbst gerichtet und bemühe mich um Offenheit, eine neutrale Haltung und setze meine Entdeckungsreise fort.

Meine nächste Ausgewählte ist sehr jung. Laura ist 16 Jahre alt und heute ist ihre Tattoo-Premiere. Sie ist etwas aufgeregt, vertraut sie mir an, doch der Schmerz wirke beruhigend. Auch bei ihr hat das gewählte Motiv mit ihrer Familie zu tun, allerdings mit der Familie, aus der sie stammt: ihre Eltern. „Sie sind mir sehr wichtig“, sagt die hübsche Laura, deshalb wählte sie als Erinnerung und Würdigung ihrer Eltern zwei versetzt übereinander angeordnete Blumen, die das Geburtsdatum ihrer Eltern tragen.

Als ich den Tattoo-Artist frage, ob ich seine Arbeit fotografieren darf, merke ich, dass er kein Deutsch spricht: Er ist Engländer und einer unter einigen der anwesenden rund 100 Tattoo-Artists, die sich über das Bundesgebiet hinaus hier bei der 1. Memminger Tattoo-Convention trafen.

Keinen Platz für zynische Gedanken ließ auch Ronja, die sich eine Grafik anfertigen ließ vom Bergpanorama aus der Sicht ihres Elternhauses. „Ich möchte dieses Bergpanorama mit den drei Bergen verewigen“, erklärt Ronja, die diese Aussicht schon immer liebte. Gleichzeitig sei es eine Wertschätzung ihrer Eltern und ihres Elternhauses gegenüber, wie auch Ausdruck ihrer Heimatverbundenheit. Auf die Frage, wohin denn die lange Grafik kommen soll, erklärt sie, dass sie überlegt, die Bergpanorama-Grafik in Teilen um beide Fesseln tätowieren zu lassen.

Meine letzte Kandidatin hingegen findet Tattoos „einfach geil“. `Geil´ im Sinne von Dekorativ? Frage ich. „Genau, dekorativ. Kein Sinn, keine Bedeutung.“ Auf meine Frage, ob es dann nicht auch ein abwaschbares Tattoo täte, kommt ein klares `Nein´. Stechen gehöre dazu. Abwaschbare Tattoos ist `Kinderkram´.

Und wenn man es einmal nicht mehr so `geil´ findet? Oder sich das Leben doch nicht als unwandelbare Ewigkeit herausstellt? Dann sind Cover-ups möglich, d.h. neue Motive, die ein altes abdecken und auch dies wurde auf dieser Convention angeboten. Allerdings sei dies nur begrenzt möglich, erklärt mir eine weitere Tattoo-Artistin, denn es hänge ab von der Größe des Tattoos, der Intensität der Farbe, dem neu gewählten Motiv und erfordere meist vom Artisten weit mehr Fingerfertigkeit und Kreativität, als ein neues Tattoo.

Eine weitere Motivation glaubte ich zu spüren, ohne dass jemand darüber spricht: Es liegt eine Art verschwörerischer Zugehörigkeitssinn in der Luft und Tattoos wirken wie eine Art Code: Man signalisiert, dass man dazu gehört. So unterschiedlich die Motivationen sein mögen, so sehr lässt sich dennoch ein gemeinsamer Nenner herausdestillieren: Der Wunsch oder die Sehnsucht nach etwas, das überdauert, nach ein bisschen Ewigkeit in einer Zeit, in der sich die Welt um uns herum in großer Geschwindigkeit wandelt.

Fotos: aus eigener Quelle.

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