Wie wird die Stadt Memmingen im Jahr 2030 aussehen?

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Was sich anhört wie Science-Fiktion Visionen, ist tatsächlich eine Frage, mit der sich die Stadt Memmingen zusammen mit einem Planer-Team aktuell auseinandersetzt. „ISEK“ heißt die Auseinandersetzung, bedeutet „Integriertes Stadtentwicklungskonzept“ und reicht bis ins Jahr 2030. Anfang Juli dieses Jahres fand eine Bürgerbeteiligung zum ISEK 2030 statt, dessen Ergebnisse nun detailliert vorgestellt wurden, welche wir hier mit unseren Lesern teilen möchten.

Dass wir als Bürger_innen dabei an viele Faktoren nicht denken, die jedoch zukünftig eine große Rolle spielen werden, wird im Vergleich der Anregungen bei der Bürgerbeteiligung mit den vorangegangenen Analysen deutlich, die das Planer-Team für die städtebauliche Entwicklung dieser Stadt bis ins Jahr 2030 seinen Planungen voranstellte.

Wie wichtig und sinnvoll dennoch die Bürgerbeteiligung ist, unterstreicht die allgemeine Tendenz in der Bundesrepublik der Partizipation der Bürger_innen an Entscheidungsprozessen auf vielen Gebieten, die erfahrungsgemäß zu mehr Zufriedenheit der Bürger führt, da sie sich konstruktiv einbringen können. Nutzer und Planer befruchten sich hier gegenseiteig – der Dialog bringt mehr Verständnis der Zusammenhänge auf beiden Seiten und bereichert beide Seiten maßgeblich.

Ende 2015 fand das Auftaktgespräch für das ISEK Memmingen 2030 statt, bis Dezember 2016 folgte eine Analysephase mit Fachöffentlichkeit und Expertengesprächen und mündete bis Juni 2017 in eine Bewertungsphase. Anfang Juli dieses Jahres fand eine Bürgerbeteiligung statt, dessen Ergebnisse nun detailliert vorgestellt wurden.

Dass mit gezielter Planung vorausschauend eine möglichst positive Entwicklung der Stadt gewährleistet werden soll, ist sicher jedem einleuchtend, doch was genau umfasst das „Integrierte Stadtentwicklungskonzept“ (ISEK)? Wer steht dahinter, wie ist der Ablauf? Was wird analysiert? An welcher Stelle wurde eine Bürgerbeteiligung miteinbezogen, wie fiel diese aus und wie geht es weiter?

Dies sind sicher die Hauptfragen, die interessierten Bürger_innen dabei spontan in den Kopf kommen und auf die wir heute eingehen möchten.

Wer steht hinter dem ISEK, was bedeutet ISEK?

Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzepte (ISEK) in der Städtebauförderung sind eine Arbeitshilfe für Kommunen vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Die Erstellung eines ISEK ist Fördergrundlage für sämtliche Programme der Städtebauförderung. Für kommunale Akteure ist ein ISEK ein unverzichtbarer Teil ihrer Arbeit und an sie richten sich auch die Empfehlungen dieser Arbeitshilfe.

Ein ISEK ist ein gebietsbezogenes Planungs- und Steuerungsinstrument für lokal angepasste Lösungsansätze und bietet insofern keine universell gültigen Patentrezepte, basiert jedoch auf Erfolgskonzepten, die sich in der Praxis bewährt haben. Mit diesem Instrument nehmen Städte und Gemeinden eine aktive und steuernde Rolle ein.

Wer ist beteiligt am ISEK Memmingen 2030?

Das Projektteam setzt sich zusammen aus den Geographen und Stadtplanern von Salm & Stegen (München), den 03 Architekten (München), brenner BERNARD Ingenieuer (Aalen) und realgrün Landschaftsarchitekten (München) sowie dem Stadtplanungsamt Memmingen. Die entscheidende Instanz ist am Ende der Memminger Stadtrat.

Ablauf und Ziele des ISEK 2030 für Memmingen

Nach einer Analysephase, die Städtebau und Projektsteuerung, Landschaftsarchitektur, Wirtschaft, Demografie und Soziales sowie Verkehrsplanung beinhaltete, folgte eine Bewertungsphase.

Innerhalb der Bewertungsphase fanden u.a. zahlreiche Expertengespräche, Austausch mit der Verwaltungsinternen Lenkungsgruppe und dem Memminger Bausenat statt.

Seit Juni 2017 befinden wir uns in der Strategie- und Ergebnisphase, innerhalb derer eine Bürgerbeteiligung eingeplant wurde und Anfang Juli dieses Jahres in eine offene Bürgerwerkstatt mündete.

Ziel des ISEK ist es, eine städtebauliche Entwicklung so zu gestalten, dass die Stadt eine lebenswerte Stadt bleibt, in der sich die Bürger_innen wohlfühlen und gerne aufhalten und zudem den zukünftigen Anforderungen an die Stadt Rechnung trägt.

Bevor wir auf die Ergebnisse der Bürgerwerkstatt jedoch detailliert eingehen, finden wir es wichtig, zum einen die Betrachtungsebenen zu verstehen, die dem IESK zugrunde liegen und zum anderen durch die wichtigsten Faktoren zu führen, die die Analyse ergab. Denn darauf bauen alle strategischen Planungen auf und auch die Beiträge der Bürgerbeteiligung müssen in diesem Kontext betrachtet werden.

Betrachtungsebenen

Die Betrachtungsebenen einer Stadt sind einmal überörtlich/interkommunal, woraus sich Leitbild und Strategien ableiten (Stichwort Oberzentrum), des weiteren gesamtstädtisch, woraus sich Leitbild, Strategien und Handlungsfelder ergeben, und zudem teilräumlich, was Handlungsräume und konkrete Maßnahmen definiert.

Vorausgegangene Analyse

Bei der vorausgegangenen Analyse wurden die Themenfelder Siedlung, Landschaftsräume, Verkehr, Wirtschaft, Arbeit & Einzelhandel, sowie Demografie, soziale Infrastruktur, Freizeit, Bildung und Kultur in der Stadt Memmingen beleuchtet.

Siedlung

Sehen wir uns zum Thema Siedlung zunächst einmal das Flächenwachstum an: Betrachtet man das Flächenwachstum der Stadt Memmingen seit 1945 (siehe Grafik), werfen sich eine Reihe von Fragen auf wie: wo sind die Grenzen des Flächenwachstums dieser Stadt, wie viel Fläche kann noch bebaut werden und für welche Zwecke, wie kann eine Zerstörung von lebenswichtiger Landschaft verhindert werden, wo und welche Ausdehnungsmöglichkeiten gibt es noch, etc.

Auch ein Blick auf die existierenden Baustrukturen und auf die bestehenden Siedlungstypen gibt Aufschluss darüber, wie zukünftig sinnvoll gelenkt werden kann/muss, wo Nachverdichtungspotential in der Innenstadt besteht, wie teilweise ausgefranste Siedlungsgebiete mit sehr lockerer Bebauung optimaler gestaltet werden können/sollten.

Für die Planer ergab sich durch ihre Studien die Notwendigkeit, Strategien zu entwickeln, die v.a. ein weniger flächenintensives Wachstum beinhalten.

Landschaftsräume

Bei der Raumanalyse der Landschaftsräume ergaben sich für die Planer Leitprofile für die verschiedenen Räume: So sollen die Stärken der Historischen Innenstadtlandschaft unter dem Leitsatz „Profilieren und Erleben“ herausgearbeitet und erlebbar(er) gemacht werden, die Parklandschaft Neue Welt gesichert und entwickelt werden (welche heute am Güterbahnhof endet), öffentliche Räume sollen „Orientierung und Vernetzung“ und etwa Kleingärten eine „Öffnung und Integration“ erfahren.

Auch die Außenbereiche wurden betrachtet, unter Leitsätze gestellt und sollen an Bedeutung gewinnen, wie etwa das Memminger Trockental durch „“Sichern, Vernetzen und Extensivieren“, die Eisenburger Waldlandschaft soll in Sachen „Natur und Freizeit“ gestärkt, oder die Flusslandschaft am Buxachtal hinsichtlich „Artenschutz und Naherholung“ profiliert werden. (Details siehe folgende Grafik).

Verkehr

Bei den Autobahnen A 7 und A96, die das Stadtgebiet durchschneiden, muss laut Planer-Team genau geklärt werden, wo eine Verkehrsverlagerung Sinn machen würde und wo und wie man Entlastungen ermöglichen könnte.

Ein Blick auf den motorisierten Individualverkehr und die Zufahrtsbereiche zur Innenstadt ergab, dass die Verteilung über den Mittleren Ring aus Sicht der Planer nicht ausreichend ist.

In Sachen Verkehrsmittel ist interessant, dass sich seit 2004 kaum etwas am Verkehrsverhalten in der Stadt geändert hat: Mehr als 50% des Verkehrs wickelt sich über den motorisierten Individualverkehr ab (PKW, PKW-Mitfahrer und Kraftrad).

Die augenfälligsten Veränderungen seit 2004 sind eine Zunahme des Fahrradverkehrs um ca. 3% auf heute insgesamt 25% in der Gesamtstadt – ein vergleichsweise hoher Anteil gegenüber anderen Städten – und eine Abnahme des Binnenverkehrs mit dem Bus auf heute nur noch 1%. (Siehe Grafik). Der Bus als gewähltes Verkehrsmittel ist damit im Vergleich zu anderen Städten in Memmingen sehr gering.

Die folgende Grafik hingegen zeigt die Verwendung der verschiedenen Verkehrsmittel im Innenstadtbereich im Vergleich zum Außenbereich der Stadt, was verdeutlicht, dass es einen Bedarf gebe, das ÖPNV-Netz gerade von den Außenbereichen ins Innere der Stadt zu intensivieren.

Wo halten sich die Menschen gerne auf und warum?

Die Grundlage für die Beantwortung dieser Frage ergab eine Haushaltsbefragung im Juli 2016, die in der folgenden Grafik veranschaulicht wird. Deutliche Favoriten sind der Stadtpark Neue Welt, der Marktplatz und die Altstadt aus unterschiedlichen Gründen.

Wo halten sich die Menschen nicht gerne auf und warum?

Auch diese Frage beantwortete die gleiche Haushaltsumfrage 2016. Ins Auge fällt sofort der Weinmarkt, der zu diesem Zeitpunkt noch 7 Tage die Woche für den Verkehr geöffnet war, gefolgt vom Bahnhofsbereich.

Notwendige Maßnahmen im Bereich Altstadt

Zu klären ist aus der Sicht der Planer, ob weitere Parkplätze geschaffen werden müssen, ob eine Erweiterung vom Parkplatzangebot am Innenstadtring erstrebenswert ist, wie ein Parkleit- und Bewirtschaftungskonzept und wie ein Wegweisungskonzept aussehen könnte.

Wirtschaft, Arbeit und Einzelhandel

Neben der strategisch guten Lage als einem der wichtigen Standortfaktoren ist für Memmingen im Vergleich zu anderen Städten auffällig, dass der Anteil an Sozialversicherungspflichtigen Angestellten gerade im Bereich produzierendes Gewerbe sehr hoch ist. Viele Global Player bzw. Hidden Champions sind in Memmingen angesiedelt, jedoch mit vergleichsweise geringem Anteil an hochqualifizierten Arbeitsplätzen.

Es herrscht Vollbeschäftigung, ein vergleichsweise geringer Anteil der Bevölkerung verfügt über einen Hochschulabschluss und die Gründungsintensität ist gering. Der Einpendlerüberschuss ist dagegen hoch, ebenso der Flächenverbrauch.

Herausforderungen der Industrie 4.0 und der künftigen Gewerbeflächenentwicklung

Die Digitalisierung und die Industrie 4.0 birgt große Chancen, wird jedoch auch große Herausforderungen und Veränderungen nach sich ziehen. Im Folgenden beschreiben die Planer, wie sich eine Stadt wie Memmingen darauf vorbereiten kann.

– Die Positionierungschancen Memmingens sehen die Planer in Kooperation mit den großen Unternehmen, sowie in einer Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur und der steigenden Notwendigkeit eines Strategischen Gewerbeflächenmanagements mit überarbeiteten Kriterien der Flächenvergabe.

– Produktionstechniken werden sich mit der Informations- und Kommunikationstechnologie verzahnen, direkte Arbeitsplätze in der Produktion werden sich vermehrt verlagern hin zu indirekten Arbeitsplätzen rund um die Produktion herum. Nachdem ein hoher Anteil an Beschäftigten in Memmingen im produzierenden Sektor arbeitet, wird der Standort Memmingen davon stark betroffen sein.

– Der Kampf um Fachkräfte wird sich intensivieren bei gleichzeitig steigender Bedeutung „weicher Standortfaktoren“ wie Lebensqualität, Kinderbetreuung, Wohnraumangebot, etc.

– Der Bedarf an Weiterbildung wird steigen, der nach Ansicht der Planer für viele Unternehmen nur in Netzwerken zu decken ist, und der Ausbau der Bereiche Forschung und Entwicklung/Hochtechnologie wird notwendig werden. Mit dem Studiengang Systems Engineering der neuen Hochschulaußenstelle sind in den Augen der Planer gute Ansätze dafür in Memmingen vorhanden.

Einzelhandel

Laut Planer-Team verfügt das Oberzentrum Memmingen über eine überdurchschnittliche Einzelhandelszentralität mit einer überdurchschnittlichen Verkaufsflächenausstattung pro Kopf. Die Attraktivität und Anziehungskraft der Altstadt basiert dabei wesentlich auf dem vorhandenen Einzelhandelsangebot.

Gleichzeitig sind in den Nebenlagen der Altstadt strukturelle Probleme und hohe Leerstände zu verzeichnen und eine weitere Konzentration des Einzelhandels auf zentrale Lagen zu erwarten.

Zudem wirkt sich aus Sicht der Planer die anhaltende Diskussion um Einzelhandelsgroßprojekte negativ auf Planungs- und Investitionssicherheit aus.

Die potentielle Ansiedlung IKEAs mit Fachmärkten bergen laut Planer-Team Chancen und Risiken zugleich, daher empfehlen sie, Ansiedlungsentscheidungen auf eine aktuelle und solide konzeptionelle Grundlage zu stellen.

(Siehe Grafik dazu mit schematischer Darstellung der Verkaufsflächen aktuell (Status Quo) und im Vergleich dazu dem Szenario mit IKEA plus Fachmärkten.)

Konkurrenz und Risiko für den stationären Einzelhandel sieht das Planer-Team in den wachsenden Marktanteilen des Onlinehandels. Diese führen zu geringeren Umsätzen im stationären Einzelhandel, zu sinkender Rentabilität und zu einem weiteren Rückgang der Zahl der Einzelhandelsgeschäfte.

Als Chance für den Einzelhandel in der Altstadt hingegen bewertet das Planer-Team die mögliche Einzelhandelsentwicklung im Quartier rund um das ehemalige Union-Kino, wo im Rahmen eines Investorenwettbewerbs aktuell Möglichkeiten einer Quartiersentwicklung mit wesentlichen Anteilen von Wohn- und Einzelhandelsnutzungen geprüft werden.

Demografie, soziale Infrastruktur, Freizeit, Bildung, Kultur

Eine Prognose des Bayerischen Landesamtes für Statistik besagt über die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in Memmingen im Zeitraum 2015 bis 2035, dass sich der Anteil an 18 bis unter 40-Jährigen innerhalb dieses Zeitraumes um weitere rund 5% verringern wird, die Zahl der Unter-18-Jährigen um etwa 1,7%, und die Zahl der Unter-3-Jährigen um 8,1%, während der Anteil der älteren Bevölkerung (65-Jährige und älter) noch um 31,9% steigen wird. (Nachlesbar auf: www.statistik.bayern.de)

Bei genauerer Analyse stellte das Planer-Team zudem starke Unterschiede der Bevölkerungsentwicklungen innerhalb der unterschiedlichen Teilräume fest:

Die Altstadt stellt etwa den geringsten Jugendquotienten mit einem Anteil an Unter-10-Jährigen – nur halb so hoch, wie etwa im Ortsteil Dickenreishausen, dagegen aber den höchsten Anteil an hochbetagten Menschen.

Handlungsempfehlungen

Die Handlungsempfehlungen der Planer sind daher:

  • die Altstadt als Wohnort für Familien zu stärken und
  • den Abwanderungstendenzen der Altersgruppe 18 bis 25 Jahre durch den Ausbau des Bildungsangebotes entgegenzuwirken.

Zudem raten die Planer:

  • ein Profil für den Hochschulstandort Memmingen zu entwickeln,
  • außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zu akquirieren,
  • ein Weiterbildungsnetzwerk unter den potenten Memminger Unternehmen zu bilden,
  • Kindertagesstätten und Ganztagesbetreuung bedarfsgerecht auszubauen,
  • die ambulanten Pflegestrukturen zu stärken,
  • das Wohnraumangebot für ein `Wohnen im Alter´ auszudifferenzieren,
  • das kulturelle Angebot in der Altstadt auszubauen und die Bespielung vorhandener Infrastrukturen zu intensivieren.

Bewertung

Als Stärken der Stadt Memmingen bewerten die Planer:

  • Historische Altstadt
  • Stadtbildprägende Hochpunkte
  • Kristallisationspunkte
  • Stadteinfahrten
  • Blickbeziehungen
  • Regio-S-Bahnhalt
  • Nähe Allgäu Airport
  • Prägende Elemente Landschaft
  • Fließ- und Stillgewässer
  • Hoher Radfahreranteil
  • Hohe Arbeitsplatzdichte
  • Hoher Einpendlerüberschuss.

Als Schwächen der Stadt Memmingen werten die Planer hingegen:

  • Funktionsgeschwächte Altstadt
  • Überlastung Altstadtring
  • Übergangsbereich Altstadt – Gesamtstadt
  • Wohnumfeld
  • Abgehängte Quartiere
  • Fehlender Übergang Wohnen / Gewerbe
  • Lageungunst Gewerbe / Brachen
  • Bausubstanz und dessen zukünftige Entwicklung
  • Hochpunkte
  • Trennwirkung durch Bahnlinie
  • Stadteinfahrten (Dimension, Ausgestaltung)
  • Wahrnehmung Memmingens als Gewerbe-Standort
  • Nahversorgung / Infrastruktur
  • Siedlungsränder
  • Hoher Anteil produzierendes Gewerbe
  • Begrenztes Flächenwachstum.

Bauliche Schwerpunkte der Stadtentwicklung

Als bauliche Schwerpunkte stellte das Planer-Team die Altstadt (v.a. An der Kaserne und Bahnhofsareal), die Soziale Stadt Ost, Steinheim (Ortsdurchfahrt und damit Zusammenhängendes), das Gewebegebiet Nord und das Schlachthofareal heraus.

Offene Bürgerwerkstatt – Auswertung

Bei der offenen Bürgerwerkstatt Anfang Juli wurden die Teilnehmer zunächst durch diese Analyse geführt und konnten im Anschluss daran an den Thementischen zu allen Themenbereichen die entsprechende Karte markieren und gezielte Anmerkungen machen.

Zusätzlich konnten die Teilnehmer, die aus eigenen Angaben größtenteils im Innenstadtbereich, in Amendingen und in Steinheim wohnhaft sind, die bereits vorbereiteten Vorschläge der Planer mit Klebepunkten bepunkten.

Themenbereich Siedlung

Der Themenbereich Siedlung umfasst die Unterthemen Stadtbild, Wohnen & Lebensqualität, sowie Stadt-, Quartiers-, & Ortsteilzentren.

Siedlungsthema Stadtbild

Beim Siedlungsthema Stadtbild, das sich zur Aufgabe macht, eine positive Wahrnehmung der Stadt aktiv zu fördern, wurde das Feld

„Gewerbeansiedlung gezielt steuern“ am meisten bepunktet (10 Punkte),

gefolgt von „Diskurs zu stadtbildwirksamen Planungen fördern/einfließen lassen“ (4 Punkte)

und „Erhalt und Weiterentwicklung des Stadtbilds in der Altstadt“ und „Siedlungsränder definieren“ (jeweils 3 Punkte).

Siedlungsthema Wohnen & Lebensqualität

Unter dem zweiten Siedlungsthema Wohnen & Lebensqualität wurde der Gesichtspunkt der „flächensparenden, nachhaltigen und ressourcenschonenden Entwicklung der Stadt – flächensparendes/verdichtetes Bauen als Grundsatz der Stadtentwicklung“ mit 6 Punkten eindeutig der „Konsequenten Innenstadtentwicklung“ vorgezogen (3 Punkte).

Unter dem Gesichtspunkt „Wohnen in Memmingen als Zukunftsaufgabe“ erzielte das Feld

„Ausgeglichene Sozialstruktur und neue Wohnformen schaffen“ die meisten Punkte (9 Punkte), noch vor

„Preiswerten und bezahlbaren Wohnraum schaffen“ (8 Punkte) und

„Verknüpfung Wohn- und Grünentwicklung“ und „Die Altstadt als Wohnstandort ausbauen und attraktiv gestalten“ (jeweils 3 Punkte).

Siedlungsthema Stadt-, Quartiers-, & Ortsteilzentren

Auch beim Siedlungsthema Stadt-, Quartiers-, & Ortsteilzentren gab es unter dem Gesichtspunkt „die historische Altstadt als Erlebnisraum zu begreifen und zu fördern“, eine eindeutige Priorisierung:

„Historische Bausubstanz sichern und qualifizieren“ wurde 18 Mal angewählt, gefolgt von

„Einkaufen, Tourismus und Freizeit in der Altstadt als Standortfaktor herausarbeiten“ (7 Punkte) und

„Radfahrer- und Fußgängerfreundliche Altstadt“ (4 Punkte).

Unter dem Gesichtspunkt „Quartierskerne und Ortskerne etablieren/revitalisieren und in ihrer Eigenheit und Eigenständigkeit stärken“ wurde als wichtigster Punkt

„Nahversorgung und wohnortnahe Dienstleistungen etablieren/erhalten und stärken/weiterentwickeln“ (8 Punkte) angesehen, während

„Neben Quartierszentren auch Quartierstreffpunkte schaffen“ 5 Punkte erhielt und

„Unterstützen von Sanierungsträgern“ weitere 3 Punkte.

Offene Anmerkungen Themenbereich Siedlung

Nachdem mehr als 30 Anmerkungen zu diesem Themenbereich gemacht wurden, möchten wir hier nur einige beispielhaft herausgreifen und auf alle verzichten, die sich an anderer Stelle wiederholten:

Innenstadtrelevante Anmerkungen:

Viel mehr Bepflanzung der Straßenränder mit Bäumen, Alleenanteil steigern, Radfahrerattraktivität steigern, Optik der Stadt aufbessern.

Schrebergartensiedlung südlich Tiroler Straße verlegen, dadurch neuer Wohnraum möglich.

Flächenrecycling von Parkraum zu Wohnraum, Verlagerung von Parkraum unter die Erde, Doppelparker, etc.

Amendingen: Stärkung der Entwicklung des ehemaligen Ortskerns ums alte Rathaus Amendingen. Nach Abzug der Feuerwehr die bisherigen Räumlichkeiten für öffentliche Interessen nutzbar machen.

Steinheim: Dorfcharakter aufrechterhalten, weiterhin für alle Generationen lebendig erhalten. Verdichtetes Bauen ja, Blöcke nein. Grünfläche Zehntstadel Richtung Westen erhalten. Ortsdurchfahrt: Verkehr verringern, und: es reichen zwei Fahrstreifen.

Dickenreishausen: Baugebietserschließung mit Einheimischenmodell (50%). Mehr Freiraum zur Gestaltung historischer Gebäude/Höfe im Ortskern. Handyempfang verbessern.

Heimertingen: sinnvolle (West-) Umfahrung schaffen.

Themenbereich Landschaft

Innerstädtische Landschaftsräume

Betreffend der Innerstädtischen Landschaftsräume war den Teilnehmern für die Altstadt das wichtigste Anliegen die

„Stärkung der Durchgängigkeit und Erlebbarkeit der Wallanlage als ganzheitlicher Parkraum“ (5 Punkte), vor einer

„Profilierung der Altstadtübergänge und -tore sowie der Befestigungsanlagen“.

Zwischen den drei Themen „Wohnungsnahe Freiräume“, Frei- und Erholungsflächen“ und „Ökologie“ setzte sich das Thema Ökologie im Zusammenhang mit „Sicherung und Verbesserung der ökologischen Funktionen durch punktuelle Interventionen (z.B. Erhalt wertvoller Baumbestände) am meisten durch (3 Punkte).

Umgebende Landschaftsräume

An dieser Stelle setzten sich zwei Vorschläge maßgeblich durch, die die Teilnehmer in einem offenen Vorschlagsfeld einbringen konnten:

„Freizeiteinrichtungen in Memmingen-Süd, Erhaltung des Schlittenberges“ erhielt 13 Stimmen, und

„Breiter Grüngürtel als Abgrenzung zwischen dem Gewerbegebiet Nord und Steinheim“ (5 Punkte), noch vor

„Sicherung und Entwicklung der landschaftlichen Qualität und Identität der Teilräume (z.B. Inszenierung topografischer Besonderheiten, Stärkung und Wahrung der dörflichen Siedlungsstruktur (Hitzenhofer Feld)) und

„Qualifizierende Eingriffe bei Fehlentwicklungen oder bestehenden Missständen (z.B. Strukturanreicherung monokultureller Agrarflächen, Extensivierung ökologisch wertvoller Flächen, Verbesserung der Durchgängigkeit des Memminger Trockentals) mit jeweils 4 Punkten.

Vernetzung Innenstadt – umgebende Landschaft

Die Vernetzung innerstädtischer Freiflächen über die unterschiedlichen Siedlungsbereiche hinaus mit der freien Landschaft schien hingegen für die Teilnehmer von geringer Wichtigkeit zu sein.

Wasser in der Stadt

Hier gab es wieder rege Beteiligung und besonders hervor stach mit 23 Punkten die

„Implementierung bzw. Wiederherstellung von Bademöglichkeiten (z.B. Baden in der Neuen Welt, Wiederherstellung Stadtweiher, Zugang zum Wasser entlang der Stadtbäche), vor

„Qualifizierung der Stadtbäche als attraktive, identitätsstiftende und verknüpfende Freiraumtypologien vom Stadtzentrum in die freie Landschaft (z.B. Ausbau Aufenthaltsbereiche, gastronomisches Angebot entlang der Memminger Ach, Rad- und Fußwegverbindungen)“ mit 11 vergebenen Punkten.

Offene Anmerkungen Themenbereich Landschaftsräume:

Keine weiteren Kiesgruben (Illerfeld, Brunnen), Rekultivierung der Kiesgruben (Brunnen und westliches Hitzenhofer Feld).

Stadtmauern begehbar machen und z.B. für blaue Nächte mit Kunst und Kultur bespielen, oder Frühstück auf der Stadtmauer (Wallanlagen Süd).

Naherholung: Badeseen im Norden Steinheims (Baggerseen Heimertingen).

Gewerbegebiet Nord: Bei Verdichtung auf ausreichend dimensioniertes Kanalsystem achten, Grünflächen für die natürliche Versickerung von Niederschlag schaffen.

Erweiterung Sportgelände um Spiel- und Sportbereich für jedermann.

Unterstützung Memminger Grundstücksbesitzer zur Sicherung identitätsstiftender Baumbestände.

Mehr Blühwiesen in der Stadt.

Themenbereich Verkehr

Beim Thema Verkehr bezüglich der Gesamtstadt lag

Die „Entlastung der Ortsdurchfahrt von Steinheim“ 24 Teilnehmern am meisten am Herzen, neben

„Verbesserung des Liniennetzes und der Erschließung im ÖPNV (z.B. Anbindung heute nicht vom Busverkehr erschlossener Bereiche und v.a. Gewerbegebiete)“ mit 16 Stimmen.

„Sichern der Erreichbarkeit für alle Verkehrsmittel (MIV, Busverkehr, Radverkehr und Fußgänger)“ wurde mit 9 Punkten markiert.

Bezüglich der Altstadt wurde:

„Verminderung der Parksuchverkehre durch Reduktion der oberirdischen Stellplätze (z.B. Weinmarkt, Hallhof), Attraktivierung der Parkhäuser (z.B. der Zugänge) und Erweiterung Stellplatzangebote Altstadtring“ 3 Mal bepunktet, alle anderen Vorschläge schienen noch weniger relevant für die Teilnehmer zu sein.

Anstatt dessen erhielten die folgenden anwählbaren Anregungen bezüglich einer „Weiteren Förderung der Verkehrsmittel des Umweltbundes“ wieder mehr Zuspruch:

„Durchgängige Netze im Radverkehr mit Wegweisung und ausreichend Radabstellanlagen am Ziel, sichere und direkte Führung“ wurde 8 Mal angewählt, während

„Verbesserung der Haltestelleneinrichtungen im Busverkehr sowie der Fahrgastinformation und Anbindung wichtiger Nutzungen (z.B. Freibad)“ 7 Punkte erhielt.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch ein zusätzlicher Vorschlag eines Teilnehmers, der immerhin 5 Mal angewählt wurde:

„Übergang Stadtweiherstraße über Hindenburgring (z.B. Zebrastreifen)“.

Offene Anmerkungen Themenbereich Verkehr:

Verkehrsentlastung der Ortsdurchfahrt Amendingen durch Ost-West-Spange im Norden Amendingens. Bau einer Tangente Heimertingen – Steinheim – Amendingen – Eisenburg.

ÖPNV verbessern und ausbauen! Pendelverkehr ins Industriegebiet Nord. Buxach, Hart, Volkratshofen, Dickenreishausen: früher Bus morgens. Mobilitätskonzept.

Radwege: auch baulich trennen, weniger holprige Übergänge, Radwege ausbauen. Radfahrerbrücke über die Bahn auf der Höhe der Stadtwerke.

Eigene Ausfahrt Dachser zur A96, zusätzliche Spur.

Rückbau der B 300, Verkehr verlangsamen, Athmosphäre verbessern, mehr Grün.

Umgehung Dickenreishausen, Verbesserung der Zufahrtsstraßen.

Themenbereich Wirtschaft, Arbeit und Einzelhandel

Der Themenbereich „Wirtschaft und Handel“ ließ bei den Teilnehmern außer bei

„Aufbau eines strategischen Flächenmanagements; Definition der Flächen für eine gewerbliche Entwicklung und thematische Widmung: Kriterien der Flächenvergabe definieren“, welches 5 Punkte erhielt, keine nennenswerten Wünsche offen.

Auch beim Thema „Einzelhandel“ gab es nur 5 Punkte bei

„Entwicklung des Bahnhofsareals“, während sich

für die „Fortschreibung des gesamtstädtischen Einzelhandelskonzeptes mit dem Schwerpunkt `Schutz zentraler Versorgungsbereiche´, Planungs- und Investitionssicherheit im Einzelhandel wiederherstellen“ nur 3 Teilnehmer aussprachen.

Offene Anmerkungen zum Themenbereich Wirtschaft, Arbeit und Einzelhandel:

IKEA Fachmarktzentrum – nein!

Keine weiteren Einkaufszentren auf der grünen Wiese!

Kein Kannibalismus zwischen Einkaufszentren und Einzelhandel Innenstadt!

Förderung und Erhalt der privaten Einzelhandelsstruktur in der Altstadt!

Offenbar ist die aktuelle Arbeitssituation in Memmingen sehr befriedigend, jedoch sei daran erinnert, dass die aktuellen ISEK-Planungen bis ins Jahr 2030 reichen sollen. Daher verweisen wir an dieser Stelle an die Herausforderungen, die die Digitalisierung im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 bringen wird und in der Analyse der Planer (siehe oben) berücksichtigt wurde, jedoch als Handlungsbedarf von den Bürger_innen offenbar noch nicht wahrgenommen wird.

Themenbereich Demografie, Soziale Infrastruktur, Freizeit, Bildung, Kultur

Demografie

Dafür, den „Abwanderungstendenzen der Altersgruppe 18 bis 25 Jahre entgegenzuwirken (mit Querverweis zum Thema Bildung)“ sprachen sich 6 Teilnehmer aus, weitere 6 für Maßnahmen wie einen „Skatepark im Memminger Süden“,

während 11 Teilnehmer „Altstadt als Wohnstandort für Familien stärken mit Hilfe finanzieller Förderprogramme (bspw. `Jung kauft Alt´“ als wünschenswert bewerteten.

Soziale Infrastruktur, Freizeit, Bildung, Kultur

„Realistisches und authentisches Profil des Hochschulstandortes Memmingen entwickeln; aktives Begleiten der Prozesse rund um die `Industrie 4.0´; Ausbau der Angebote eines Dualen Studiums; Akquise von passenden Instituten und Forschungseinrichtungen, Aufbau außenuniversitärer Forschungseinrichtungen bspw. Fraunhofer, Helmholtz), Fortbildungs-Netzwerke der `Global Player´und `Hidden Champions´ bilden“, dafür sprachen sich 12 Teilnehmer aus.

„Modellhafte Wohnprojekte `Wohnen im Alter´ initiieren“ fanden 15 Teilnehmer eine gute Idee, …

Offene Anmerkungen zum Themenbereich Demografie, Soziale Infrastruktur, Freizeit, Bildung, Kultur:

Bezahlbaren und familiengerechten Wohnraum schaffen.

Mehrgenerationenhäuser im Bahnhofsareal.

Erhaltung Rex-Palast.

Hallen-/Freibad endlich angehen! Sanierung Freibad, Erweiterung Hallenbad – an den derzeitigen Standorten!

Attraktives Programm für Kinder in Ferienzeiten von 7 bis 18 Uhr.

Ausbau des Landesgartenschaugeländes, Streuobstwiese, Botanischer Garten, Erlebnisraum für Schulen.

Wie geht es weiter?

Bis voraussichtlich November dieses Jahres wird das Planer-Team aus diesen Voruntersuchungen und Ergebnissen einen Rahmenplan und Maßnahmen erarbeiten.

Auf Anregung der Teilnehmer an der Bürgerbeteiligung im Juli 2017 soll dabei nochmals eine Bürgerbeteiligung stattfinden, die neben Information eine Zielreflektion mit den Bürger_innen beinhalten wird und wieder öffentlich angekündigt werden wird.

Im Frühjahr 2018 soll das ISEK 2030 für Memmingen mit den Beschlüssen im Stadtrat abgeschlossen sein und anschließend umgesetzt werden.

Infos zur Einsicht für alle Bürger_innen

Auf www.memmingen.de können alle Informationen zum ISEK 2030 für Memmingen (Präsentation, Bürgerbeteiligung) auf dem folgenden Direktlink jederzeit eingesehen werden: ISEK.

Fotos:

Grafiken: aus der Präsentation des ISEK 2030 für Memmingen.

Foto 1 (und Titelbild): Die Teilnehmer der offenen Bürgerwerkstatt im Juli 2017 wurden durch die Analysen und die Bewertung aller stadtentwicklungsrelevanter Themen geführt. Fotoquelle: Stadt Memmingen.

Foto 2: Im Anschluss konnten die Teilnehmer Anregungen geben und für sie relevante Ideen und Vorschläge des Plaer-Teams bepunkten. Foto aus eigener Quelle.

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