Zum Gedenken an 32 Mitmenschen

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Ein kleiner Junge, kaum drei Jahre alt. Sein Name war Alfred. – Alfred Dorner fiel der Euthanasie im Nationalsozialismus zum Opfer, weil er geistig behindert war. Wenn man heute das Café Klatschmohn besucht, die Unterallgäuer Werkstätten oder bei Sport ohne Grenzen mitfiebert, ist das Unrecht, das man diesen Menschen und ihren Angehörigen angetan hat ebenso unverständlich und ungeheuerlich wie das, welches einer kulturellen, religiösen Gemeinschaft angetan wurde: Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens.

Genau daran sollen die 32 neuen „Stolpersteine“ erinnern, welche im Anschluss an bereits 57 verlegte Stolpersteine in Memmingen am vergangenen Freitag, 13. Oktober verlegt wurden.

Auf Einladung des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“ mit dem Vorsitzenden Helmut Wolfseher hat der Künstler Gunter Demnig an 14 Stellen im Stadtgebiet 32 neue „Stolpersteine“ verlegt, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen.

Auch diese Zahlen an sich sind so unfassbar, denn sie erinnern daran, dass ganze Familien ausgelöscht wurden – Mutter, Vater, Kinder, die ihr Einweg-Transportticket zu ihrem Tod auch noch selbst lösen mussten. Es schaudert beim Gedanken.

Zum Auftakt sprach Schirmherr Manfred Schilder an der ersten Verlegestelle in der Lindenbadstraße 29 vor St. Hildegard ein Grußwort. Er begrüßte den Künstler Gunter Demnig, den Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“ Helmut Wolfseher, die Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Efrat Pan und Angehörige der Gedachten, die aus Sydney (Australien) und London (Großbritannien) angereist waren.

„Wir dürfen es nicht zulassen, dass Menschen, die anderen Glaubens oder anderer Herkunft sind, Hass und Gewalt zum Opfer fallen“

„Es ist richtig, immer wieder der Opfer zu gedenken, die in dieser schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben verloren haben oder entrechtet wurden und fliehen mussten“, betonte Schilder. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass Menschen, die anderen Glaubens oder anderer Herkunft sind, Hass und Gewalt zum Opfer fallen“, mahnte das Stadtoberhaupt.

Ein besonderer Dank galt den ehemaligen Schülern des Bernhard-Strigel-Gymnasiums, die unter der Leitung der Lehrkräfte Dr. Thomas Epple und Matthias Bachmann im Rahmen eines Projektseminars zum Thema „Stolpersteine“ auf der Suche nach Euthanasie-Opfern im Archiv des Bezirkskrankenhauses in Kaufbeuren auf das Schicksal von Alfred Dorner (1942-1945) gestoßen waren.

Helmut Wolfseher erzählte, wie schwierig es sei, über die Einzelschicksale zu recherchieren, da die öffentlichen Archive wenige Einträge darüber bereithalten. Oftmals sei es purer Zufall, dass sich ein Angehöriger melde, oder man überlebende Angehörige ausfindig mache, sich ein Eintrag in einem Amt, einer Versicherung oder ähnlichem finde.

Vertreter des Stadtrats, des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Stadtverwaltung und interessierte Bürgerinnen und Bürger begleiteten den Künstler an die weiteren Verlegestellen in der Kalchstraße, Rosengasse, Maximilianstraße, Rabenstraße, Zangmeisterstraße, Zwinggasse, Ulmer Straße und Donaustraße sowie auf dem Frauenkirchplatz, am Roßmarkt und am Schweizerberg.

Sie gedachten während der Verlegung der 32 Gedenktafeln der Ermordeten und Vertriebenen, Gebete sprachen Pfarrerin Stephanie Heiß und in Hebräisch Efrat Pan.

Am Nachmittag begrüßte der Oberbürgermeister die Gäste aus Sydney und London zu einem Stehempfang mit Eintrag in das Goldene Buch der Stadt in seinem Amtszimmer.

32 Namen, 32 Mitmenschen –„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist” (Zitat aus dem Talmud)

Alfred Dorner (1942-1945) – Eingewiesen in die „Heilanstalt Kaufbeuren“, 1945 ermordet. Lindenbadstraße 29 (St. Hildegardheim).

Alfred Heilbronner (1899-Flucht 1939) – Kalchstraße 47.

Helene Heilbronner (1899-Flucht 1938) – Kalchstraße 47.

Hans Heilbronner (1926-Flucht 1938) – Kalchstraße 47.

Walter Heilbronner (1924-Flucht 1938) – Kalchstraße 47.

David Heilbronner (1864-1937). – Kalchstraße 47.

Betty Heilbronner (1850-1943) – Kalchstraße 12.

Ida Heilbronner (1878-deportiert 1942). – Kalchstraße 12.

Emil Kitzinger (1873-1935 Freitod) – Kalchstraße 10.

Leopold Kitzinger (1903-1939 Flucht) – Kalchstraße 10.

Paula Kitzinger (1917-1939 Flucht) – Kalchstraße 10.

Kreszentia Ortlieb (1920-1941 Hartheim „Aktion T4“) – Rosengasse 4.

Samuel David (1883-1938 Polenaktion, ermordet) – Maximilianstraße 12.

Emilie Sabine David (1890-1939 Flucht n. Polen, 1943 deportiert ermordet) – Maximilianstraße 12.

Bruno Josef David (1920-1938 Flucht, 1943 deportiert, ermordet) – Maximilianstraße 12.

Ernst Förster (1875-1944) – 1944 eingewiesen in die „Heilanstalt Kaufbeuren“, 1945 ermordet. – Frauenkirchplatz 6.

Gustav Bacharach (1886-deportiert 1942) – Rabenstraße 2.

Eva Elisabeth Bacharach (1892-deportiert 1942) – Rabenstraße 2.

Erich Bacharach (1922-Flucht: Eric Baker) – Rabenstraße 2.

Egon Bacharach (1920-Flucht: Ed Baker) – Rabenstraße 2.

Albert Bacharach (1879-deportiert 1942) – Roßmarkt 5.

Cäcilie Bacharach (1882-deportiert 1942) – Roßmarkt 5.

Albert Stiegeler (1926-1944 Kaufbeuren-Irsee) – 1940 eingewiesen in die „Heilanstalt Kaufbeuren-Irsee“, 1944 ermordet. – Schweizerberg 14.

Heinrich Heilbronner (1896-deportiert 1942) – Zangmeisterstraße 8.

Richard Heilbronner (1922-Flucht 1938) – Zangmeisterstraße 8.

Sophie Heilbronner (1923-Flucht 1939) – Zangmeisterstraße 8.

Ruth Heilbronner (1924-Flucht 1939) – Zangmeisterstraße 8.

Georg Johann Huith (1889-1940) – Zwinggasse 12.

Heinrich Sommer (1884-Flucht 1939) – Ulmer Straße 6.

Johanna Sommer (1895-Flucht 1939) – Ulmer Straße 6.

David Sommer (1880-deportiert 1942) – Donaustraße 27.

Flora Sommer (1891-deportiert 1942) – Donaustraße 27.

Allgemeine Infos

In Memmingen erinnern bisher insgesamt 89 „Stolpersteine“ an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Der Verein „Stolpersteine in Memmingen“ freut sich über Spenden und Patenschaften für weitere Gedenksteine.

Spendenkonto:

VR-Bank Memmingen
IBAN: DE23 7319 0000 0000 0697 79
BIC: GENODEF1MM1

Weitere Infos: auf www.stolpersteine-mm.de und www.stolpersteine.eu.

Fotos:

Bild 1: Künstler Gunter Demnig verlegt einen Stolperstein vor dem St. Hildegardheim zum Gedenken an den kleinen Alfred Dorner, der nur drei Jahre alt wurde.

Bilder 2 und 4: Der Künstler wie auch die Teilnehmer verbeugten sich – bewusst oder unbewusst – vor den Gedenksteinen und den Menschen, die dahinterstehen und schlimmes, fatales Unrecht erleiden mussten.

Bilder 1, 2 und 4: aus eigener Quelle.

Bild 3: Der Künstler Gunter Demnig verlegt in der Kalchstraße 47 „Stolpersteine“ zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Memmingen. Dahinter (v.re.) Oberbürgermeister Manfred Schilder, Dritter Bürgermeister Dr. Hans-Martin Steiger, Zweite Bürgermeisterin Margareta Böckh, DIG-Vorsitzende Efrat Pan und Helmut Wolfseher, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“. Fotoquelle Bild 4: Julia Mayer / Pressestelle Stadt Memmingen.

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